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Alternative zur Schnäppchentour
„Zusammen näht es sich am schönsten“

Älteste Teilnehmerin des Nähkurses in Heusweiler ist die 83-jährige Hilde Hehn (rechts), die sich auch nach rund 30 Jahren immer noch gern von VHS-Dozentin Elke Schäfer helfen lässt.
Älteste Teilnehmerin des Nähkurses in Heusweiler ist die 83-jährige Hilde Hehn (rechts), die sich auch nach rund 30 Jahren immer noch gern von VHS-Dozentin Elke Schäfer helfen lässt. FOTO: Monika Jungfleisch
Heusweiler. Auch nach mehr als 30 Jahren nutzt Hilde Hehn begeistert das Angebot der Volkshochschule in Heusweiler. Von Monika Jungfleisch

Nicht nur beim Essen und Trinken haben sich viele an eine „Ex- und Hopp“-Mentalität gewöhnt, auch beim Kleiderkauf herrscht dank Billigläden, Ein-Euro-Shops und „Drei-Für-Zwei-Super-Sonderangeboten“ eine verschwenderische Kaufeinstellung vor. Bei einem T-Shirts für fünf Euro, einmal getragen, heißt es oft: Waschen lohnt sich nicht, lieber gleich in den Kleidersack und auf zur nächsten Schnäppchentour!


Doch stopp: Es gibt sie noch, Menschen, die dem Weg-Werf-Trend widerstehen und Wert auf individuelle Mode und Accessoires legen, die sie sogar selbst schneidern. Treffen kann man einige von ihnen jeden Dienstag im VHS-Nähkurs in der Friedrich-Schiller-Gemeinschaftsschule in Heusweiler. Seit 1983 unterweist hier Elke Schäfer Anfängerinnen, Berufseinsteigerinnen oder routinierte Hobbynäherinnen in der Kunst des Modedesigns, des Zuschneidens und des Zusammennähens eigenwilliger Kleidung.

„Im Schnitt kommen bis zu zehn Teilnehmerinnen zu meinen Kursen“, erzählt die 68-jährige gelernte Wäschenäherin. „Von März bis Juli und von September bis Weihnachten treffen wir uns für drei Stunden in dem großzügigen Klassensaal, packen unsere Nähmaschinen aus und beratschlagen uns, was wir Schickes für uns oder unsere Kinder und Enkel nähen.“

Hilde Hehn kommt seit über 30 Jahren zu Elke Schäfer. Die 83-Jährige hat unter den aufmerksamen Augen der VHS-Dozentin schon so ziemlich alles genäht, was man sich vorstellen kann: Mäntel, Kleider, Röcke, Bettwäsche, Gardinen, Unterwäsche, Badeanzüge und ein Dirndl. „Mein Rokoko-Faschingskostüm hat seinerzeit beim Pre-Ma-Bü-Ba den 3. Platz belegt,“ sagt die Holzerin voller Stolz. Warum sie mit ihrer langjährigen Erfahrung immer noch zum Nähkurs kommt? „Wegen der Gemeinschaft. Zusammen näht es sich doch am schönsten“, schwärmt Hilde Hehn, deren Lieblingsstück ein eierschalenweißes Kostüm aus edler Bugatti-Seide ist, das leider nicht mehr passt. Aber für kein Geld auf der Welt würde sie das gute Stück hergeben.

Die Liebe zum gemeinsamen Nähen ist auch für Ursula Lang (72) und Gertrud Rupp (73) ausschlaggebend. Als ihr ausgefallenstes Stück nennt Ursula Lang einen Hund, den sie nach dem Tod ihres geliebten Vierbeiners geschneidert hat. „Der sitzt jetzt immer auf dem Sessel“ sagt die Holzerin. Gertrud Rupp erinnert sich am liebsten an drei Spitzenkleider samt Unterkleid, in die sie viel Arbeit und Zeit investiert hat.



Für Ulrike Brendel und Bärbel Becker ist es wichtig, sich modische, individuelle und farbenfrohe Oberteile zu nähen, mit denen sie sich von der Massenware in den Geschäften abheben können. Zur Zeit näht die 60-jährige Quierschiederin gerade eine Bluse für ihren Mandolinenverein. „Jeder schneidert sich nach eigenem Geschmack ein Oberteil, nur die Farben sind vorgegeben, nämlich Petrol und Schwarz, unsere Vereinsfarben“, erzählt Ulrike Brendel.

„Meine Näh-Kunst wird mittlerweile auch von meiner Familie sehr geschätzt“, freut sich Bärbel Becker. „Für meine Nichte habe ich schon mal ein Dirndl genäht, für meine Schwester habe ich auch viele Sachen angefertigt“, sagt die 57-jährige Holzerin.

Männer sieht man selten am Schneidetisch oder an der Nähmaschine. „In den 1990er Jahren kam mal ein junger Mann, der sich selbst Hemden nähen wollte“, erinnert sich Karin Schäfer. „Aber das war’s auch schon an männlicher Fingerfertigkeit.“ Auch ganz junge Teilnehmerinnen sind selten. Ute Bombach ist mit ihren 46 Jahren eine der jüngsten Näherinnen, sowohl was das eigene Alter betrifft, als auch die Dauer. „Ich komme erst seit Herbst 2016. Für meine 17-jährige Tochter habe ich ein Samtkleid genäht. Das hat sonst keiner, hat meine Tochter gestrahlt und mich darin bestärkt, auch für mich maßgeschneiderte Einzelstücke anzufertigen.“