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Lehrer Fohs unterrichtete 57 Kinder

Die Postkarte zeigt Lummerschied um das Jahr 1960. Fotos: Archiv Janson/Kolling
Die Postkarte zeigt Lummerschied um das Jahr 1960. Fotos: Archiv Janson/Kolling
Lummerschied. Karl Heinz Janson hielt einen hochinteressanten Vortrag über das Leben in Lummerschied nach dem Krieg. Fredy Dittgen

"Das Dorf Lummerschied nach dem Zweiten Weltkrieg", hieß das Thema eines Vortrags, zu dem Karl Heinz Janson und die Interessengemeinschaft Pro Lummerschied (IGPL) in den Dorfkrug eingeladen hatten. Janson, Vorsitzender des Vereins für Industriekultur und Geschichte, ist Experte für Heimatforschung und war im Nachlass seines verstorbenen Vereinskollegen Karl-Heinz Kolling auf Dokumente und Fotos aus den späten 1940-er Jahren gestoßen. Da Lummerschied (erstmals 1286 urkundlich erwähnt) 1986 sein 700-jähriges Bestehen hätte feiern können, plante Kolling, ein Dorfbuch zu schreiben. Krankheitsbedingt kam er aber nicht mehr zum Abschluss, seine Frau Christel bat Janson, die Unmengen an Material zu sichten. Darunter befand sich auch ein 60-seitiger Aufsatz des Dorflehrers Herbert Fohs, der ab 1945 an der Lummerschieder Dorfschule tätig war und die soziale Struktur seines Wirkungskreises im Jahre 1948 beschrieb. In Lummerschied lebten damals 375 Menschen (heute sind es rund 650). Es gab noch sechs große landwirtschaftliche Betriebe, die Bäckerei Feld und die Schmiede vom "Schmidt Matz". Aus der Familie Feld entwickelte sich später ein Fuhr- und Omnibusbetrieb. Es gab drei Gaststätten: das Gasthaus Schmidt im Dorfkern, das später als Verkehrshindernis abgerissen wurde, das Gasthaus Brück (später "Zur Post") und im Nordfeld das Gasthaus Penth, in dem oft die Bergleute nach der Schicht einkehrten. Es fanden viele Tanzveranstaltungen statt, bei denen Auswärtige nicht erwünscht waren. Die Lummerschieder Burschen wollten ihre Mädchen selber freien. Die Damenwelt beschrieb Fohs so: "Die Lummerschieder Frauen sind sehr fleißig und modisch gekleidet, aber nicht so übertrieben wie im Nachbardorf Kutzhof und auch nicht so stark geschminkt." Nach dem Krieg herrschte Männermangel. 24 Gefallene waren zu beklagen, 36 in Gefangenschaft oder vermisst.


Fohs beschreibt auch das Verhältnis zu den Nachbardörfern: zu Numborn bestand wenig Kontakt, ebenso zu Wahlschied, da beide fußläufig zu weit weg lagen. Auch zu Kutzhof war der Kontakt gering, da man dessen Bewohner als besonders hochmütig ansah. Mehr Kontakte bestanden zu Wiesbach, Uchtelfangen und Humes. Die Dorfschule feierte 1948 mit einem Fest ihr fünfzigjähriges Bestehen. Lehrer Fohs unterrichtete 57 Kinder von der ersten bis zur achten Klasse. Drei davon gingen nach der achten Klasse auf weiterführende Schulen. Mit dem Krieg verschwanden die meisten alten Bräuche im Dorf, so der Hammeltanz an der Kirmes, die "Schalwarie" bei Wiederheirat einer Witwe und die Umzüge der Jugend an Fastnacht. Intensiv beschrieb Fohs das Erwerbsleben: Neben der Landwirtschaft dominierte der Beruf des Bergmanns. 84 Lummerschieder (65 Prozent) waren aktive Bergleute, in der Landwirtschaft hingegen waren nur noch 15 Prozent tätig. Die Bauern hatten im Nationalsozialismus eine hohe gesellschaftliche Anerkennung genossen und versuchten, diese Stellung auch nach dem Kriege aufrecht zu erhalten.

So legten sie Wert darauf, dass ihre Töchter nur ebenbürtig heirateten und nicht etwa einen "Gruwestecke" - also einen Bergmann - mit nach Hause brachten.



Bei Festen und in der Kirche kamen die Bauern meist zu spät, so konnten sie sich aussuchen, neben wem sie sitzen. Bergmannstöchter stellten sie als Hilfe im Betrieb ein, entlohnten sie aber meist karg und mit Naturalien.

Die Bauern pflegten auch keinen großen Kontakt im Dorf, außer mit dem Pfarrer und dem Lehrer. Größter Betrieb war der von Müllersch-Biesels am Fuß des Hirtenberges mit 75 Morgen, vier Pferden, elf Rindern, Schweinen, Ziegen und Geflügel. Eine Art Konkurrenz sahen die Landwirte in den "Bergmannsbauern". Das waren Bergleute, die ein Stück Land bewirtschafteten, sich ein Hausschwein oder eine Ziege, Hühner und Kaninchen hielten.

Die gut 80 Besucher im Vereinsraum der IGPL waren begeistert von dem Vortrag. Hanno Seekatz, der Vorsitzende, meinte: "Es war gut, einmal zu erfahren, wie sich das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg hier abgespielt hat."

Karl Heinz Janson Foto: mj
Karl Heinz Janson Foto: mj FOTO: mj