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Offener Brief
Eiweiler Ortsrat geschockt vom Aus für Arvato

Nach einer längeren Durststrecke schreibt das Arvato-Callcenter in Eiweiler wieder schwarze Zahlen. Um so größer der Schock für die 300 Mitarbeiter und den Ort, dass für Mitte des kommenden Jahres die die Schließung beschlossen wurde (Symbolfoto).
Nach einer längeren Durststrecke schreibt das Arvato-Callcenter in Eiweiler wieder schwarze Zahlen. Um so größer der Schock für die 300 Mitarbeiter und den Ort, dass für Mitte des kommenden Jahres die die Schließung beschlossen wurde (Symbolfoto). FOTO: dpa / A3250 Oliver Berg
Von Fredy Dittgen. Der Bertelsmann-Konzern betont in seinen Leitlinien sowohl die Bedeutung seiner Mitarbeiter als auch, dass man sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sei. Das passt natürlich nicht mit der geplanten Schließung der Bertelsmann-Tochter Arvato in Eiweiler zusammen. Daran erinnert der Ortsrat das Unternehmen in einem offenen Brief. Auch eine Betroffene sprach im Rat. Von Fredy Dittgen

  Die Pläne des Bertelsmann -Konzerns, sei Arvato-Callcenter in Eiweiler Mitte kommenden Jahres zu schließen und rund 300 Mitarbeiter zu entlassen, war Hauptthema im Eiweiler Ortsrat. Ortsvorsteher Richard Wachall (CDU) schilderte die Bestürzung im Ort über diesen Schließungsbeschluss, der die Mitarbeiter, die politisch Verantwortlichen und die Bevölkerung völlig unvorbereitet getroffen habe. Nichts habe darauf hingedeutet, so Wachall. Alle seien, der jüngsten wirtschaftlichen Entwicklung des Standortes entsprechend,


davon ausgegangen, dass die Arbeitsplätze in Eiweiler gesichert seien. Für Wachall sei die Entscheidung des Unternehmens, die er aus einer Nachrichtensendung des Saarländischen Rundfunks erfahren habe, ein Schock gewesen.

Schockiert waren und sind noch die Beschäftigten des Call-Centers, so Arvato-Mitarbeiterin Heike Kohr. Ihnen sei die Entscheidung nachmittags in einer Betriebsversammlung mitgeteilt worden. Völlig unvorbereitet habe es die gesamte Belegschaft getroffen.



Dabei habe der Standort deutliche Fortschritte gemacht. Statt roter Zahlen konnten in diesem Jahr wieder schwarze Zahlen geschrieben werden. Von allen Seiten sei die Belegschaft für ihr Engagement und die abgelieferte Arbeitsqualität gelobt worden. Auch die Kunden seien sehr zufrieden gewesen. Diese habe der Beschluss, den Standort Eiweiler dicht zu machen, ebenfalls überrascht, sagte Heike Kohr.

Traurigkeit, nicht Wut, so Kohr, bestimme die Gemütslage der Mitarbeiter. Der Schock habe so tief gesessen, dass an dem besagten  Nachmittag an Arbeit nicht mehr zu denken gewesen sei.

Aufgeben und die Entscheidung einfach so hinnehmen, das werde die Belegschaft nicht, sie wer-de kämpfen, betonte Kohr. Und dafür brauche man die Mitarbeit der Öffentlichkeit, damit die Aktionen, die geplant seien, auch Wirkung zeigen.

Heike Kohr sowie Betriebsratsmitglied Markus Lorenz bedankten sich für die Unterstützung, die von vielen Seiten bereits gewährt werde. Etwa für die Resolution des Heusweiler Gemeinderates, der sich der Ortsrat in seiner Sitzung einstimmig anschloss. Einstimmig stellte der Ortsrat sich auch hinter den Antrag der CDU-Fraktion, einen offenen Brief an den Aufsichtsrat des Unternehmens Bertelsmann zu schicken. Darin werden die Bertelsmann-Aufsichtsratmitglieder aufgefordert, alles zu tun, um die Schließung des Arvato-Standortes Eiweiler zu verhindern. Dazu seien sie, wenn sie die Leitlinien, die sich Bertelsmann selbst gegeben habe, auch wirklich beachten würden, eindeutig verpflichtet.

In dem  offenen Brief heißt es unter anderem: „Mit Bestürzung“ habe der Ortsrat von den Schließungs-Plänen erfahren, „als Aufsichtsrat der Bertelsmann SE & Co. KGaA tragen Sie Mitverantwortung für diese Entscheidung der Bertelsmann Tochter Arvato und damit auch Mitverantwortung, dass dem Gewerbestandort Eiweiler auf einen Schlag rund 300 Arbeitsplätze unwiderruflich verloren gehen. ... Deshalb bittet Sie der Ortsrat, Ihren Einfluss auf die Entscheidungsträger bei Arvato zu nutzen, damit die Entscheidung wieder rückgängig gemacht wird. Dabei bitten wir Sie herzlich, sich bei Ihrem Engagement für den Arvato-Standort Eiweiler und dessen Mitarbeiter an den Leitlinien der Unternehmensgruppe Bertelsmann zu orientieren. Dort ist unter dem Punkt Partnerschaft festgeschrieben: ,Partnerschaft zum Nutzen der Mitarbeiter und des Unternehmens ist die Grundlage unserer Unternehmenskultur. Motivierte Mitarbeiter, die sich mit dem Unternehmen und seinen Grundwerten identifizieren, sind die treibende Kraft für Qualität, Effizienz, Innovationsfähigkeit und Wachstum des Unternehmens. Die Basis unseres partnerschaftlichen Führungsverständnisses bilden gegenseitiges Vertrauen, Respekt vor dem Einzelnen sowie das Prinzip der Delegation von Verantwortung. Unsere Mitarbeiter  ...sind umfassend informiert und nehmen sowohl an Entscheidungsprozessen als auch am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens teil. Für ihre Weiterentwicklung und die Sicherung ihrer Arbeitsplätze setzen wir uns ein.‘

Und unter Punkt Gesellschaftliche Verantwortung steht: ,... Unsere Gesellschafter verstehen Eigentum als Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Sie sehen das Unternehmen in der Marktwirtschaft dadurch legitimiert, dass es einen Leistungsbeitrag für die Gesellschaft erbringt. Diesem Selbstverständnis entspricht auch die Arbeit der Bertelsmann Stiftung, in die die Mehrheit der Bertelsmann Aktien eingebracht wurde. Unsere Firmen achten Recht und Gesetz und lassen sich von ethischen Grundsätzen leiten. Sie verhalten sich gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt stets verantwortungsbewusst.‘“

 Der Ortsrat Eiweiler, so heißt es in dem offenen Brief weiter, gehe fest davon aus „dass es die vornehmste Aufgabe des Aufsichtsrates ist, darauf zu achten, dass sich alle Entscheidungen in der Unternehmensgruppe an diesen Leitlinien orientieren. Die Arvato-Entscheidung in Eiweiler steht nach Ansicht des Ortsrates keineswegs im Einklang mit den Leitlinien der Bertelsmann Gruppe. Wir hoffen, dass Sie diese Einschätzung teilen und dementsprechend handeln werden.“

Sollte es dennoch zur Schließung kommen, „bitten wir Sie dafür Verantwortung zu übernehmen, dass in Eiweiler dem Verlust entsprechend Ersatzarbeitsplätze geschaffen werden. Das sollte die starke Bertelsmann Gruppe, die sich, wie ihre Leitlinien eindeutig aussagen, „ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist“, ganz sicher nicht überfordern.