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Neue Anlaufstelle
Demenz aus der Tabuzone holen

Heusweilers Beigeordneter Volker Leinenbach brachte im Auftrag von Bürgermeister Redelberger den Damen vom Demenzverein Köllertal, Iris Höhne, links, und Anita Lender-Beck eine finanzielle Unterstützung für ihre Arbeit mit.
Heusweilers Beigeordneter Volker Leinenbach brachte im Auftrag von Bürgermeister Redelberger den Damen vom Demenzverein Köllertal, Iris Höhne, links, und Anita Lender-Beck eine finanzielle Unterstützung für ihre Arbeit mit. FOTO: Carolin Merkel / Merkel Carolin
Heusweiler. Nach Püttlingen und Riegelsberg gibt es nun auch in Heusweiler eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Menschen mit Demenz. Von Carolin Merkel

Noch ein wenig kleiner als in Riegelsberg war der Kreis der Interessenten, der sich im Haus der Begegnung in Heuweiler eingefunden hatte. Woran das lag? Anita Lender-Beck, Vorsitzende des Demenz-Vereins im Köllertal und federführend für die Einrichtung der drei Selbsthilfegruppen im Köllertal verantwortlich, hatte eine Vermutung. „Als wir vor vier Wochen in Riegelsberg raus sind, hat ein Ehepaar zum Pastor gesagt: ‚Wenn die Leute uns hier sehen, wissen die gleich, was in unserer Familie los ist.’“ – Das macht die Vorsitzende, aber auch Iris Höhne, die vor Ort die Gruppen unterstützen wird, traurig und wütend zugleich. Denn sie wollen mit ihrem Engagement vor allem eins erreichen: Die Demenz aus dem Tabu herausholen.


Anita Lender-Beck geht mit der Erkrankung ihres Mannes ganz offen um, sie will in einem neuen Projekt an Schulen gehen und das Thema öffentlich machen. Große Hoffnung setzt sie aber auch auf die Selbsthilfegruppen. Sie sollen vor allem den Angehörigen eine Anlaufstelle sein. „Wichtig ist uns dabei auch, dass sich die Gruppe selbst entwickelt. Iris Höhne ist Fachkraft, kann beratend unterstützen, sie wird die Gruppe aber nicht leiten, die Themen sollen aus den Reihen der Mitglieder kommen“, erläuterte die Vorsitzende die Arbeitsweise der Gruppen für Angehörige.

Mit ein paar Zahlen zur Erkrankung belegte Lender-Beck eindrücklich, warum Selbsthilfegruppen in der Zukunft immer wichtiger werden. Diese Meinung teilte auch Hartmut Sebastian, Leiter des Altenheims St. Franziskus in Dillingen. Der Sozialpsychologe ging in seinem Vortrag überaus provokant auf die Zuhörer zu, stellte falsche und auch richtige Behauptungen in den Raum, zeigte in einer beeindruckenden Weise auf, wie unterschiedlich die Wahrnehmung eines jeden Einzelnen, auch nicht dementen Menschen sein kann.

Wobei: Das Wort „Demenzkranker“, so erläuterte der Fachmann, hat er schon lange aus seinem Vokabular gestrichen. „Wir reduzieren den Menschen damit auf seine Krankheit“, sagte er. Er nutzte in seinem fast zweistündigen überaus informativen Vortag lieber die Vokabel „Mensch mit Demenz“ und traf damit nicht nur bei Anita Lender-Beck den Geschmack. Sebastian mahnte auch davor, Demenz zu negativ zu sehen. „In vielen anderen Ländern geht man mit dem Thema deutlich positiver um“, sagte er. Nicht versuchen, den Menschen in die Realität zu holen, sondern sich auf die Realität des Menschen mit Demenz einlassen, das forderte er, auch von den Angehörigen. „Auch wenn ich weiß, dass es für sie am schwierigsten ist“, bekannte er.

Hartmut Sebastian wünscht sich vor allem eins für die Zukunft: Eine viel größere Unterstützung der Angehörigen. „Diese Menschen, die den Großteil der Pflege übernehmen, brauchen einfach eine wirklich gute Beratung und Hilfe. Das wäre so wichtig.“ Eine gute Anlaufstelle können hier die drei Selbsthilfegruppen sein, die neben Püttlingen nun auch in Riegelsberg und Heusweiler ihre Arbeit aufgenommen haben.