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Bücher Buchautor Wirtschaftskrimi
Das Glück kommt im richtigen Moment

Horst Grewenig (rechts) hat ein spannendes Buch über sein aufregendes Leben geschrieben. Unsere Aufnahme zeigt ihn mit Mitautor Thomas Noll.
Horst Grewenig (rechts) hat ein spannendes Buch über sein aufregendes Leben geschrieben. Unsere Aufnahme zeigt ihn mit Mitautor Thomas Noll. FOTO: Andreas Engel
Heusweiler/Riegelsberg. Rückblick, Wirtschaftskrimi, Reisebericht: „Die goldene Arschkarte – Eine internationale saarländische Geschichte“ hat von allem was. Von Isabel Sand

Horst Grewenig ist ein bescheidener Mann. Der 75-Jährige arbeitet gern in seinem Garten, hin und wieder geht er fischen. Am liebsten Zander. Er erzählt von seiner Familie, zeigt stolz die kunstvollen Zeichnungen seiner elfjährigen Enkelin. Dabei hat Horst Grewenig schon ganz andere Zeiten erlebt. Bewegte Zeiten, voller Umbrüche, Abenteuer und gescheiterter Träumen.



Darüber hat er mit Co-Autor Thomas Noll ein Buch geschrieben: „Die goldene Arschkarte – Eine internationale saarländische Biografie“. Ein schmissiger Titel, der hält, was er verspricht. Für das Vorwort konnte Grewenig seinen Cousin, Professor Meinrad Maria Grewenig gewinnen, Generaldirektor des Unesco Weltkulturerbes Alte Völklinger Hütte. Auf 206 Seiten erzählt die Autobiografie aus dem abenteuerlichen Leben des Fliesenlegers Grewenig. Er war nicht nur ein talentierter Handwerker, sondern versuchte sich auch als Unternehmer, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Die „goldene Arschkarte“, wie er seine Pechsträhne nennt, hat ihn stets begleitet.

Seine Unternehmungen führten den gebürtigen Riegelsberger von der Côte d’Azur nach Kasachstan und Russland, in die Tschechei, später nach China, aber immer wieder zurück in die Heimat. Heute wohnt Grewenig in Heusweiler. Er sitzt an seinem Esstisch und lässt die großen Schicksalsschläge der Vergangenheit Revue passieren. „Was passiert ist, ist passiert. Das regt mich nicht mehr auf“, sagt er.

Nach seinem Wehrdienst und der Ausbildung zum Fliesenleger zieht es den jungen Grewenig zunächst nach Südfrankreich, wo er eigentlich Villen für die großen Sieger des Wirtschaftswunders bauen sollte. Es kommt anders. Sein Chef stirbt bei einem Autounfall, und Grewenig macht sich mit einer eigenen Baustofffirma selbstständig. Die Geschäfte laufen gut, doch nach einem zweiwöchigen Urlaub muss er feststellen, dass sein Partner die Konten leer geräumt hat – 1,2 Millionen D-Mark. Rechnungen können nicht mehr bezahlt werden, Grewenig haftet selbst. Das gestohlene Geld liegt längst auf einem Schweizer Bankkonto. Grewenig muss Insolvenz anmelden – die goldene Arschkarte Nummer eins. „Es musste irgendwie weitergehen“, schreibt er in seinem Buch. Und das tat es auch. Vertreterjobs, Chemie-Laboratorien, Spionage-Flugzeuge, Granitabbau in Kasachstan, bei dem einer seiner Geschäftspartner ermordet wird, Hundespielzeug aus China und Autorennen: Der Riegelsberger Grewenig mischte überall mit und bekam doch immer wieder den schwarzen Peter zugeschoben.

Keines seiner Projekte führte zu Reichtum oder einem sorgenfreien Leben. So ist „Die goldene Arschkarte“ auch ein Buch über das Scheitern. Aber keineswegs über das Aufgeben. Finanzieller Ruin, Insolvenz, Versteigerung sind einige der letzten großen Tabuthemen unserer Gesellschaft. Darüber spricht niemand gern. Dabei zeigt dieses Buch, dass es eine Kunst ist, Krisen zu bestehen und daran zu wachsen. Im letzten Kapitel heißt es: „Wenn mir das Leben etwas beigebracht hat, dann genau das: nie aufgeben, immer weiter machen – und wenn es noch so schwer ist und noch so langsam vorangeht.“ Einen der Gründe für seinen Kampfgeist sieht Grewenig in seiner Neugier. Für neue Geschäftsideen hatte er immer ein offenes Ohr und „ich wollte niemals auf der Stelle treten“, sagt er.

Grewenig blickt nicht mit Wehmut auf Vergangenes zurück, aber das am Ende nichts außer einer kleinen Rente da ist, das beschäftigt ihn schon. „Das ganze Leben hart gearbeitet, und dann bleibt doch nichts übrig.“ Dennoch rät er auch anderen, sich selbstständig zu machen. „Man sollte allerdings im Kleinen anfangen und so viel wie möglich selbst machen“, empfiehlt er.

„Die goldene Arschkarte“ ist trotz aller Niederlagen und Fehlschläge im Leben des früheren Fliesenlegers eine unterhaltsame und spannende Lektüre. Einige Leser werden sich wohl auch in dem einen oder anderen Kapitel wiederfinden. Nicht zuletzt auch wegen des historischen Lokalkolorits, das den Leser in das Riegelsberg der Nachkriegszeit und der 60er-Jahre entführt.

Wenn Horst Grewenig an seinem Esstisch sitzt und von früher spricht, dann niemals mit Verbitterung. Vielleicht auch, weil er im entscheidenden Moment doch noch Glück hatte: Er überstand eine schwere Krankheit. Und in seiner Familie hat er stets Rückhalt gefunden: Seine Frau hat ihn bei all seinen Unternehmungen unterstützt. 50 Jahre ist er mit seiner Hildegard nun verheiratet, und auch heute sitzt sie an seiner Seite. Horst Grewenig, ein glücklicher Mann.

„Die goldene Arschkarte – Eine internationale saarländische Biografie“ von Horst Grewenig und Thomas Noll. Tredition Verlag 2017. 12,99 Euro. ISBN 978-3-7345-9233-1