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Theater
Spurensuche im Berliner Großstadtdschungel

 Turbulent ging es am Samstag auf der Bühne der Kulturhalle Heusweiler zu. Die Bohemian Company präsentierte das Stück „Linie 1“, eine musikalische Revue von Volker Ludwig, das auch in Wiebelskirchen läuft.
Turbulent ging es am Samstag auf der Bühne der Kulturhalle Heusweiler zu. Die Bohemian Company präsentierte das Stück „Linie 1“, eine musikalische Revue von Volker Ludwig, das auch in Wiebelskirchen läuft. FOTO: Engel
Wiebelskirchen/Heusweiler. Am Samstag feierte das Stück „Linie 1“ Premiere in Heusweiler. Auf die Bühne gebracht hat es die Bohemian Company. Das Publikum war begeistert. Von Fredy Dittgen

„Linie 1“ heißt das neue Stück der Bohemian Company, das am Samstag in der Heusweiler Kulturhalle Premiere feierte. „Linie 1“ wurde vom Berliner Grips-Theater 1986 uraufgeführt und gilt nach Brechts „Dreigroschenoper“ als das erfolgreichste deutsche Musical. Die Musik schrieb Birger Heymann, die Texte verfasste Volker Ludwig. Für die Bühne in Heusweiler inszeniert wurde es von Sandra Klein. „Ich liebe dieses Stück seit Kinderzeiten, weil es nicht typisch Musical, sondern auch viel Schauspiel ist“, sagte Klein der Saarbrücker Zeitung. Alles dreht sich um Nathalie (Ida Morsch), ein Mädchen aus dem Westen, das im geteilten Berlin des Jahres 1986 am Bahnhof Zoo landet und sich auf die Suche nach dem Rockmusiker Johnny macht, dem Vater ihres ungeborenen Kindes. Die Suche im U-Bahn-Netz der Großstadt gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nathalie jagt kreuz und quer durch die Stadt und trifft auf seltsame Gestalten – „alles Typen, die um ihr Leben beschissen wurden, und zwar von Leuten, die man nie in der U-Bahn trifft“, wie es der Junge mit Hut (Matthias Dietzen) formulierte. Penner nerven Passanten: „Haste mal ’ne Mark?“ Punks pöbeln Fahrgäste an. Rassisten beleidigen Ausländer. Eine Dame motzt ein türkisches Paar an.


Teilweise harte Kost, aber auch sehr viel Deutschland, was da auf die Bühne gebracht wurde – heute so aktuell wie vor 33 Jahren. Die Bohemians setzten das sozialkritische Stück perfekt um. Die zwölf Ensemblemitglieder wirbelten zweieinhalb Stunden spielend, singend und tanzend über die Bühne und verkörperten rund 80 Figuren – eine darstellerische Meisterleistung. Dass jeder Schauspieler in mehrere völlig unterschiedliche Rollen schlüpfte, war eine Herausforderung, die hervorragend gelöst wurde. Ida Morsch verlieh ihrer Figur die nötige Unbedarftheit und Leichtigkeit, ohne als naives Dummchen vom Lande zu wirken. Michael Ensminger brillierte als „Proll“ Kleister und vergoss beim Selbstmord seiner Freundin Lumpi (Sandra Klein) echte Tränen. Ganz stark auch Sandra Klein als Maria, ein am Leben gescheitertes Mädchen, das anderen – vor allem Nathalie – hilft und Mut macht, und mit dem Song „Hey Du“, der für Gänsehautmomente sorgte.

Und sensationell die kleinen, heiteren Momente. So Rentner Herrmann (Volker Meyer), der „dem Sozialamt getrotzt und dem Klassenfeind in die Fresse gerotzt“ hat oder Johnny (Nicolas Schneider), der Nathalie in breitem Sächsisch („Naddaliiiiie! Däubschönnn!“) in die Arme eines anderen trieb. Einer von etlichen Höhepunkten: der Auftritt der ewig gestrigen Wilmersdorfer Witwen – gespielt von männlichen Darstellern (Gerhard Wagner, Jochen Sauer, Volker Meyer, Matthias Dietzen) – die Adolfs Zeiten hinterher heulen, „das mit den Juden“ habe ja niemand gewusst und außerdem habe es „ja auch sehr viel Positives im Dritten Reich gegeben“. Das Publikum würdigte die Leistungen mit  stehendem Applaus.