1. Saarland
  2. Saarbrücken

Haus der Fleischwarenfabrik Peter Krämer füllt kniffliges Grundstück

Markante Bauten : Im Zeitgeist des Wirtschaftswunders

Urbanes Pass-Stück von Adolf Mönch: das Geschäftshaus der Fleischwarenfabrik Peter Krämer in der Dudweiler Straße

Nur weil der Broadway das strenge Straßenraster New Yorks diagonal durchschneidet, gibt es tortenstück-förmige Restgrundstücke, die Architekten zu Höchstleistungen angespornt haben: Das berühmte Bügel-Eisen-Gebäude oder Flat-Iron-Building wird regelmäßig zum beliebtesten Hochhaus gewählt, obwohl die Konkurrenz stark ist.

Im Zentrum von Saarbrücken sind es die Dudweiler und die Mühlen-Straße, die unweit des Beethoven-Platzes ein solches spitzes Restgrundstück bilden.

Der Architekt Adolf Mönch hat diese Ausgangslage in den frühen Fünfziger Jahren, als Saarbrücken stellenweise noch einer rauchenden Ruine glich, zum Ausgangspunkt genommen, aus der ungewöhnlichen Geometrie des Grundstück-Zuschnitts ein wahres Meisterwerk der Nachkriegsmoderne zu schneidern: Das Geschäftshaus der Fleischwarenfabrik Peter Krämer fügt sich in sein Grundstück wie ein urbanes Pass-Stück.

Angesichts des bodenständigen Bauherren, der Metzgerei Krämer, ist man versucht, von einem Filet-Stück zu sprechen: Denn eine Krämer-Seele kann der Fleischer nicht gewesen sein angesichts seines Gebäudes, das zugleich alle Elemente der Nierentisch-Ära aufweist und dennoch zugleich die Fallstricke der modernen Architektur geschickt vermeidet: Das all-ansichtige Gebäude mit vier Fassaden, das man umschreiten kann und das folglich als Solitär latent autistisch in seiner städtischen Umgebung herumsteht wie ein Vorläufer der Selfie-Architektur war schließlich der Traum der Architekten der Moderne.

Das führt überall auf der Welt zu öden Straßen, die räumlich nicht gefasst und folglich auch nicht „lesbar“ sind. Das Geschäftshaus der Fleischwarenfabrik Krämer füllt seinen spitzwinkligen Grundriss: Die unteren beiden Geschosse ragen konvex in den Straßenraum, während die oberen vier Etagen konkav zurückschwingen. Ein luftiges Flugdach bekrönt die weißen Putzfassaden. Mehr braucht es nicht für gute Architektur: ein guter Nachbar zu sein, zur Animierung der anliegenden Straßen beizutragen und dennoch den beschwingten Zeitgeist des Wirtschaftswunders auszudrücken.

Zur gleichen Zeit arbeitete der Architekt an der Erweiterung der Kirche St. Quiriakus im Merziger Stadtteil Mechern. Insofern löst das Gebäude den Gordischen Knoten: Es ist ein Dienst an der Stadt, ohne deswegen keinen architektonischen selbständigen Ausdruck zu finden: Vorbildlich urban und dabei architektonisch durchaus charmant, erinnert der Bau an Jaques Tatis Welt. Eine große Architektur ist es nicht, es will es aber auch gar nicht erst sein. Hier kauft „Monsieur Hulot“ seine Wurst. Das Gebäude ist städtebaulich konservativ und architektonisch progressiv zugleich! Ein Husaren-Stück!

Angesichts des anhaltenden Zustroms in alle anderen deutschen Städte ist eine Nachverdichtung im Gang, die das Gesicht der Stadt umkrempelt. Selbst als unbebaubar geltende Grundstücke finden Liebhaber: Man muss ein so geschickter Architekt wie Mönch sein, um aus dieser Situation gestalterisch Funken zu schlagen: Er hat aus einem kuriosen „Un-Ort“ (wie der französische Philosoph Marc Augé) es nennen würde, einen Lieu geformt.

Wenn Architekten so geschickt Restgrundstücke mit urbanen Pass-Stücken besetzen wie dies bei dem Fleischer-Haus gelungen ist, ist die Nachverdichtung der deutschen Großstädte eine gute Nachricht!