1. Saarland
  2. Saarbrücken

Halberger  Requiem für Auto-Industrie auf Werksgelände der Saarbrücker Gusswerke

Im verlassenen Werk der Saarbrücker Gusswerke : Halberger Requiem für die Auto-Industrie

Das verlassene Werksgelände der Saarbrücker Gusswerke zeugt von stolzen Tagen und einem quälenden Überlebenskampf. Wann kommen die Abriss-Kräne?

Sie nannten sich stolz „wir Halberger“. So steht’s noch auf manchem Anschlag der Saarbrücker Gusswerke. Für die Arbeiter und Angestellten blieb die Firma im Saarbrücker Stadtteil Brebach, egal wie oft Besitzer und Namen wechselten, die „Halberger Hütte“ oder „Halberg Guss“, verwurzelt in einer mehr als 260 Jahre alten Eisen-Produktionsgeschichte am Ort, verwachsen mit der einst mächtigsten Lebensader der Saarlandes, der Schwerindustrie. Egal, wie innovativ und hochmodern die Grauguss-Motorblöcke und Zylinderköpfe auch sein mochten, die das Werksgelände zuletzt verließen. Bis zum 30. Juni dieses Jahres. Dann gingen nach einem quälenden, hoch emotionalen Kampf ums Überleben die Lichter aus. Die letzten 240 Mitarbeiter wurden nach Hause geschickt.

40 von ihnen sind noch da, eine „Abbruch-Crew“, wie sich die Männer selbst nennen, und auch, wenn ihnen zynisch zumute ist, „Totengräber“. Und ja, es ist friedhofsstill hinter dem Tor eins der Gusswerke, aber ruhig ist es nicht. Denn das Werk hat noch einen Sound. Jetzt, da die Produktionshallen verlassen daliegen wie ein Pompeji der Arbeit, knirscht und brummt und schnauft und zischt es hinter den Türen und aus Ecken, die im Dunkel dämmern – ein einst stolzer Betrieb hängt an der Beatmungsmaschine. Oben gurrt es. Immer mehr Tauben haben ihren Weg durch zerbrochene Fenster gefunden, genießen jetzt endlich ungestörten Gast-Status. Früher wurden sie durch Lärm und Hektik verscheucht. Vor der Insolvenz im November 2019 waren es immer noch 1200 Männer, die sich auf drei Schichten verteilten. Sie wichen auf den Wegen zwischen den Hallen unzähligen Gabelstaplern und Lkw aus – Rushhour-Atmosphäre mit Rangier-Geräuschen, dass die Ohren weh taten. So erzählen es die wenigen, die hier „nur noch aufräumen“ wie sie sagen, haufenweise Material, Geräte, Regale zusammenschieben. Rund 85 Prozent der Inventur sind gemacht, irgendwann folgt die große Versteigerung. Danach werden die Gebäude besenrein hinterlassen, die Namen tragen, unter denen sich Nicht-Halberger kaum etwas vorstellen können: Formerei, Kernmacherei, Druckluftzentrale, Sandaufbereitung. Kommen dann die Abrisskräne? Wie viele Tonnen Zement und Stahl und Backsteine blieben auf dem Areal wohl nach dem Plattmachen? Ein Halberger Wall, ein Mahnmal für den Niedergang der deutschen Automobilindustrie, und einen Zulieferbetrieb, der in Brebach einem Machtkampf zwischen dem Eigentümer Prevent und dem Hauptkunden Volkswagen geopfert wurde. Ein fieses Ding sei da gelaufen, wird kolportiert.

An diesen nummerierten Einzelarbeitsplätzen wurden Kurbelwellen geschliffen. Foto: Robby Lorenz
Halle 8 liegt schon ganz im Dunkeln. Dort wurden Gießkerne zwischengelagert. Foto: Robby Lorenz
Pkw-Zylinder-Kurbelgehäuse wurden von VW und Audi nicht mehr abgenommen. Die Zeit sorgte für den Rost. Foto: Robby Lorenz
Auch im Modellhaus finden sich rote Düsen auf Schießplatten zur Herstellung der Kerne. Foto: Robby Lorenz
Im Modellhaus lagern Kunstguss-Modelle für einheimische und internationale Kunden. Foto: Robby Lorenz

Man hätte sich ein würdigeres Requiem für die diese Industrie gewünscht. Politik und Klimaschutz-Bürger hören es womöglich nicht ungern, sie träumen von einer sauberen Zukunft. Ihre Vision tilgt sie aus, die gute, ehrliche, dreckige, gefährliche Welt der Handarbeit, die nach Amingas und Schmieröl stinkt, und nicht nur in Brebach mit Ausrufezeichen gespickt war: „Achtung! Zutritt ohne Schutzbrille verboten!“. Überall Appelle, Vorschriften, Befehle, als sei‘s noch die Ära der Stahlbarone. Die heutige Weiße-Kragen-Gesellschaft glaubte sie längst in der Innovationsflut digitalisierter Fertigungs-Prozesse versunken oder in musealen Sphären wie im Völklinger Weltkulturerbe. Doch in Brebach finden sie sich noch, die einfachen Holzbänke, auf denen sich die Männer immer noch ihre Kippen anzünden, und die zwei ramponierten Eisengrills auf der „Terrasse“ vor der geschlossenen Kantine. Alltagszeichen. Sie stehen auf dem Boden, in dem die Saar-Identität ihre Quelle hat.