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Was Flechten über die Luft verraten

Was Flechten über die Luft verraten

Das Umweltministerium hat nicht den Eindruck, dass bei der Erweiterung der Chemieplattform in Carling deutsche Interessen oder gar die Gesundheit der Bevölkerung missachtet werden. In der Bevölkerung bleibt Skepsis, wie eine dreistündige Veranstaltung am Donnerstag in Großrosseln zeigte. Die Untersuchungen des Ministeriums reichten bis nach Püttlingen. Mit eingebunden war der aus Heusweiler stammende Flechten-Experte Volker John.

Wer bereits im neuen "Warndt"-Buch des heimatkundlichen Vereins aus Großrosseln stöbern konnte, dem ist der Name Volker John vertraut. Der promovierte Biologe, sein Vater stammt aus Heusweiler, die Mutter aus Spiesen, ist leitender Mitarbeiter am Pfalzmusum für Naturkunde in Bad Dürkheim. Er ist Experte für Flechten, das sind bestimmte Pilze, die Lebensgemeinschaften mit Algen oder Bakterien eingehen.

In jeder Fußgängerzone kleben sie auf den Betonböden und werden fälschlicherweise für Kaugummi-Flecke gehalten. Flechten gelten vor allem bei Flechtenliebhabern als schwer verkannte Lebewesen, deren Vorkommen Rückschlüsse auf allerlei Phänomene zulassen.

John war vom saarländischen Umweltministerium beauftragt worden, aus den Flechtenvorkommen im Warndt möglicherweise Aussagen über die Luftqualität zu treffen. Ergebnis der "Bioindikatoren"-Untersuchung: Da Flechten mutmaßlich keine Luftgifte mögen und sehr zahlreich vorkommen, auch deutlich zahlreicher als vor 30 Jahren, ist die "lufthygienische Gesamtsituation im Warndt sehr gut" - das ist wissenschaftlich nicht ganz, aber doch ziemlich gesichert.

Der sympathische Volker John, der dem Publikum einen ganzen Tisch mit Flechten aus der Region präsentierte, hatte am Donnerstag Abend in der Rosseltalhalle in Großrosseln, quasi als Kronzeuge für gute Warndtluft, eine etwas undankbare Aufgabe. Denn die Luft im Raum war auch politisch durchtränkt; arglose Wissenschaftler tun sich damit schwer. Kleines Beispiel: John wurde gefragt, warum er auf einer Karte die Baumflechten - kaum sichtbar blassgelb eingekreist habe. Offene Antwort: Rot sei nicht gewollt gewesen, das hätte als "Gefahr" fehlgedeutet werden können. Höflicher Beifall von den knapp 80 Zuhörern.

Skepsis bei Zuhörern



Professor Dr. Andreas Schütze von der Saar-Uni stellte die Ergebnisse der "Geruchserfassung" im Warndt vor. Zwei zentrale Aussagen: Es gebe keine ins Auge springende Abhängigkeit der erfassten Gerüche von der Windrichtung, will heißen: Wenn es chemisch, stechend oder künstlich riecht, könne das nicht nur der Chemieplattform Carling zugeschoben werden. Und: Die Mess-Station in L' Hôpital brachte "wider Erwarten" keinen Erkenntnisgewinn über Gerüche, die aus Carling kommen.

Aus der Zuhörerschaft, vor allem von Mitgliedern der Bürgerinitiative "Saubere Luft", wurden die Ergebnisse oder Teile davon bezweifelt, es kamen unter Verweis auf "Ängste" oder "Selbstrecherche" weitere Wünsche nach noch mehr Messungen, Untersuchungen, Aufklärungen, Eingriffen. Umweltminister Reinhold Jost (SPD ), in Jeans und Pulli moderierend, blieb aber hart. Klipp und klar sagte er, dass es eine Fortführung des Geruchserkennungsprojektes nicht gebe.

Nach fast drei Stunden Information und Diskussion, von allen Seiten in ruhigem Ton, war die Veranstaltung zu Ende und fast die Hälfte der Leute gegangen. Man will im Gespräch bleiben.

Während der Diskussionsrunde in Großrosseln musste es Umweltminister Jost bisweilen so vorkommen, als stehe er vor einem Berg schier unendlicher Ansprüche, erfüllbar allenfalls bei "De-Industrialisierung" der Nachbarregion, in die man aber nicht hineinregieren könne und auch nicht wolle.

Man habe in Saarbrücken jedenfalls "nicht den Eindruck, dass die französische Seite uns verarschen" wolle, kommentierte er wortwörtlich den Verdacht, dass die Chemieplattform "macht, was sie will". Nein, so Jost, sie werde von Frankreich aus nach EU-Recht streng kontrolliert, die Ergebnisse seien transparent, die Grenzwerte eingehalten. Und die Erweiterung der Fabrik - Jost spricht gern von "Umstellung" - lasse auf eine Verbesserung der Luftqualität schließen. Die Informationen durch den Konzern Total flössen so gut wie nie vorher.