Rudolf Pokorny aus Emmersweiler fotografiert Mivroorganismen in Bächen und Seen

Natur : Durch winzig Kleines aufs große Ganze blicken

Rudolf Pokorny aus Emmersweiler untersucht und fotografiert Mikroorganismen, die viel über den Zustand von Gewässern verraten.

„Wir Menschen gehen viel zu leichtsinnig mit unserer Welt um. Dinge, die wir nicht mit dem bloßen Auge sehen können, existieren für uns nicht. Das habe ich immer wieder beim Planktonfischen erlebt. Da haben mich die Leute gefragt: ‚Was fangen Sie hier?’ Als ich ihnen dann den Planktonfang zeigte, waren sie höchst erstaunt, dass so eine große Anzahl von winzigen Lebewesen im Wasser waren.“ Rudolf Pokorny beschäftigt sich mit der großen Rolle des ganz Kleinen: Seit er als etwa zwölfjähriger Junge von seiner Mutter ein Mikroskop geschenkt bekommen hatte, ist er der Welt der Mikroorganismen verfallen. Inzwischen hat der heute 75-Jährige aus dem Großrosseler Ortsteil Emmersweiler eine ganze Sammlung der unterschiedlichsten Mikroskope, die es ihm auch, mit der entsprechenden Fotoausrüstung, erlauben, faszinierende Aufnahmen von seinen Fängen zu machen – Mikroskope und Vergrößerungen hat er schon in etlichen Ausstellungen gezeigt.

Eine ganz eigene Schönheit sieht der ehemalige Elektriker in den Mikroorganismen. Doch das ist nicht der Hauptgrund, warum der Hobby-Biologe seit 45 Jahren heimische Gewässer untersucht. Denn Mikroorganismen geben Auskunft über den Zustand der Gewässer: „Je kleiner ein Organismus, um so empfindlicher reagiert er auf Schäden in seinem Lebensraum.“ Und aus diesen Reaktionen lassen sich dann wieder Rückschlüsse auf den Zustand dieses Lebensraums schließen.

Dabei wird untersucht, welche Kleinstlebewesen und Bakterien überhaupt in dem Gewässer zu finden sind, wie häufig sie vorkommen und welche Bedeutung sie haben. Unter diesen „Leitorganismen“, die für ein Gewässer bedeutsam sind, finden sich so schöne Namen wie „Navicula radiosa“, „Keratelle quadrata“ oder „Cymatopleura solea“. Nach dem sogenannten Saprobienindex ist jedem dieser Leitorganismen eine bestimmte Bedeutung zugeordnet. Mit einer komlizierten Formel berechnet man dann aus diesem Index, der Häufigkeit der jeweiligen Leitorganismen und deren Gewichtung die Güteklasse eines Gewässers. Die Güteklassen reichen dabei von „1“ – unbelastet/sehr niedrig belastet – bis „4“:  übermäßig verschmutzt, etwa durch organische, Sauerstoff zehrende Abwässer; im Wasser laufen Fäulnisprozesse ab, über längere Zeit ist nur sehr wenig Sauerstoff vorhanden, Fische fehlen, man findet vor allem noch Bakterien, dazu Geiseltierchen und Wimperntierchen, am Ende steht die biologische Verödung.

Dabei, so schildert es Pokorny, gibt es ja durchaus eine natürliche biologische Reinigung der Gewässer. Die kleinen großen Helden sind hier die einzelligen Wimperntierchen, wie etwa das Glockentierchen oder das Trompetentierchen. Die ernähren sich nämlich von Bakterien. Nehmen zum Beispiel Algen  in Folge von Schadstoffen und damit einhergehendem Sauerstoffüberschuss überhand, dann entziehen die Algen nachts den Sauerstoff wieder, was zu Sauerstoffmangel und Absterben der Algen führt. Fäulnis setzt ein, und die entsprechenden Bakterien vermehren sich schlagartig. Dass sorgt bei den Wimperntierchen für einen reich gedeckten Tisch. Doch sie können nur bis zu einem gewissen Grad das Wasser reinigen. Gegen Dauerverschmutzung haben sie keine Chance.

Gerade dieser Tage, schildert Pokorny, konnte man am St.-Nikolaus-Weiher im Warndt beobachten, dass der halbe Weiher mit Blaualgen bedeckt war, „ansonsten fand man da fast nur noch Bakterien“. Derzeit könne man den Weiher nur noch mit der Gewässergüteklasse 4 bewerten. Aber aller Voraussicht nach würden die Algen auch wieder verschwinden.

Moderne Kunst? Nein, die Zelle der Zelle der Alge cladophora glomerata unter dem Mikroskop. Foto: Rudolf Pokorny
Das Rädertierchen Keratella quadrata deutet auf ein „gesundes" Gewässer hin. Je nach Art werden Keratella 80 bis 300 Mikrometer groß. Foto: Rudolf Pokorny
Die winzige Gelbrandkäferlarve Didiskus marginalis wirkt unter dem Mikroskop fast wie ein Monster. Foto: Rudolf Pokorny
Ein Blick durch das Mikroskop auf eine Kieselalge. Foto: Rudolf Pokorny
Ein Mehrfuß-Rädertierchen – Rädertierchen werden 0,1 bis 0,5 Millimeter groß. Foto: Rudolf Pokorny

Da der Mensch jedoch die Zusammenhänge nicht beachte oder nicht kenne, „verleitet uns dieses Nichtwissen, unzählige Mengen von Schadstoffen in die Gewässer einzubringen, ohne zu wissen, was wir damit anrichten. Das Gleiche gilt auch für unsere Luft und unsere Böden.“ Aus Unvernunft und Profitstreben schneide der Mensch, auch mit überbordendem Konsum, den Ast ab, auf dem er sitzt. Und so befürchtet Pokorny, dass uns unser Umgang mit der Natur, wenn nicht weltweit gegengesteuert wird, irgendwann gründlich auf die Füße fallen könnte: „Der Mensch vernichtet seine Lebensgrundlagen. Die Natur liefert uns irgendwann die Quittung nach dem Prinzip der biologischen Selbstreinigung.“

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