"Ruck, zuck ist die Tonne voll"

Völklingen/Großrosseln. "Ruck, zuck ist die Tonne voll", weiß Uwe Prior, Behindertenbeauftragter der Gemeinde und Vorsitzender des VdK-Sozialverbandes in Großrosseln. "Wer zwei kleine Kinder hat, verbraucht pro Tag schon mindestens fünf bis sechs Windeln, und auch ältere, kranke und behinderte Menschen sind oft auf Windeln angewiesen

Völklingen/Großrosseln. "Ruck, zuck ist die Tonne voll", weiß Uwe Prior, Behindertenbeauftragter der Gemeinde und Vorsitzender des VdK-Sozialverbandes in Großrosseln. "Wer zwei kleine Kinder hat, verbraucht pro Tag schon mindestens fünf bis sechs Windeln, und auch ältere, kranke und behinderte Menschen sind oft auf Windeln angewiesen."Wer bereits jetzt die Tonne voll hat, kann nicht mehr bei der Müllabfuhr sparen. Er wird künftig sogar kräftig draufzahlen, wenn Großrosseln wie die anderen Kommunen im Entsorgungsverband Saar (EVS) ab kommendem Jahr die Gebühr nach Häufigkeit der Leerungen einführt (siehe "Hintergrund"). Völklingen hat dies mit seinem eigenen Entsorgungsverband EZV schon vor zwei Jahren getan - mit vielen Gewinnern, aber auch mit Verlierern.

Zu ihnen zählt beispielsweise das Ehepaar Rupp aus Ludweiler. Irmine Rupp hat hier nicht nur Sorgen wegen ihrer 88-jährigen Mutter, die bettlägerig ist und seit rund einem Jahrzehnt Windeln benötigt. Ihrem Mann wurde krankheitsbedingt ein künstlicher Darmausgang angelegt, wobei die Beutel ebenfalls im Müll entsorgt werden müssen. "Wir haben derzeit zwei Tonnen, eine 240-er und eine 120-er, und beide müssen alle 14 Tage abgefahren werden", berichtet Irmine Rupp.

Grundsatzbeschluss in Bous

Landesweit wird derzeit das Windel-Problem diskutiert. Der Rat der Nachbargemeinde Bous hat bereits einen Grundsatzbeschluss gefasst, Betroffenen, auch Eltern kleiner Kinder, zu helfen: Hier sollen entweder kostenlos Restmüllsäcke zur Verfügung gestellt oder ein Zuschuss zur Abfallgebühr gewährt werden.

Uwe Prior will nun die Kommunalpolitiker in Großrosseln ganz konkret darauf ansprechen. Ähnlich denkt Karl-Heinz Remark, Vorsitzender des VdK-Sozialverbandes und Stadtverordneter in Völklingen: "Windelsäcke wären auf jeden Fall sinnvoll, auch für Babys." - "Natürlich, klar, in Völklingen und überall für jeden Betroffenen", pflichtet Juliane Kästner bei. Sie ist Behindertenbeauftragte der Hüttenstadt und Leiterin der örtlichen Beratungsstelle der Lebenshilfe und wird nach eigenen Angaben "ständig darauf angesprochen, dass es teurer wird".

Es gibt keine zuverlässigen Zahlen, aber nach Schätzung Kästners und Priors könnten in Völklingen und Großrosseln mehrere 1000 Menschen von dem Problem betroffen sein. Mindestens 80 der derzeit rund 200 Menschen, die die Ökumenische Sozialstation in Völklingen betreut, brauchen Windeln. "Diese Leute und ihre Angehörigen sind schon belastet genug", meint eine Sprecherin.

Ansonsten gilt: Kleine Kinder machen ihren Eltern viel Freude, aber brauchen auch Windeln. Derzeit leben allein in Völklingen laut Stadtpressestelle 993 Kinder von null bis drei Jahren, dem Lebensalter, in dem man in der Regel nicht "ohne" auskommt.

Kosten noch offen

"Wir haben viele Anrufe, aber ich kann derzeit die Leute nur vertrösten", sagt Stefan Lang, Geschäftsführer des Völklinger Entsorgungsverbandes EZV. Ob die Stadt hier Zuschüsse gewähre, sei eine Frage der politischen Entscheidung. Lang hat mögliche Kosten für Völklingen noch nicht durchgerechnet. Doch eine Beispielrechnung für eine 10 000-Einwohner-Gemeinde geht von rund 70 000 Euro pro Jahr aus.

Hintergrund

Die Müllgebühr, die derzeit in Völklingen entrichtet werden muss, beträgt bereits bei der üblichen 120-Liter-Tonne mindestens 116,96 Euro pro Jahr. Sie setzt sich hier aus 53,86 Euro Grundgebühr und den 63,10 Euro für die mindestens zehn Leerungen im Jahr zusammen. Für jede weitere Leerung kommen noch 6,31 Euro hinzu. Bei einer 240-Liter-Tonne muss man pro Leerung das Doppelte rechnen.

 Über 900 Kinder in Völklingen benötigen mehr oder minder regelmäßig Windeln. Foto: dpa
Über 900 Kinder in Völklingen benötigen mehr oder minder regelmäßig Windeln. Foto: dpa

Für Gemeinden wie Großrosseln, die dem Entsorgungsverband Saar (EVS) angeschlossen sind, kommt jetzt ab 2011 auch die Gebühr nach der Häufigkeit der Leerungen. Bisher galt hier ein einheitlicher Grundpreis von 216 Euro im Jahr für 26 Leerungen von Restmüll- und Biotonne im vierzehntägigen Abfuhr-Rhythmus. Wer künftig nur noch zehn Abfuhren pro Jahr in Anspruch nimmt, spart laut EVS fast 64 Euro. Bei 26 Leerungen wie bisher wird es um 44 Euro teurer. er