Mit Tieren für ein Weilchen Behinderungen vergessen: Mit Tieren das Handicap vergessen

Mit Tieren für ein Weilchen Behinderungen vergessen : Mit Tieren das Handicap vergessen

Begegnungen mit Tieren sollen Kindern Mut machen, Menschen mit Behinderungen auch – das ist das Konzept der Ziegenalm in Naßweiler. Wie gut das klappt, zeigte sich jetzt beim Tag der offenen Tür.

Sobald ihre Besucher von der Lebenshilfe Völklingen auf dem Rücken ihrer Pferde für ein paar Minuten aufblühen, strahlt auch Simone Hinnüber über das ganze Gesicht. „Schauen Sie alleine diesen Blick an – da geht einem doch das Herz auf“, sprudelt es aus der Hausherrin der Pferde- und Ziegenalm Naßweiler am Bremerhof heraus. „Klienten“ werden die Gäste vereinsintern genannt: Es geht darum, Handicaps der Gäste für ein paar Stunden zur Nebensache zu machen oder sie sogar ganz auszublenden. „Wir haben Pferde in allen Größen“, informiert Hinnüber. Also muss auch für jeden das richtige Ross zur Verfügung stehen.

Zunächst ist das Kennenlernen zwischen Tier und Mensch wichtig. Auf der Nassweiler Alm geschieht das in der Regel mit ein paar ruhigen Worten und sanftem Streicheln. Hier und da helfen anschließend tragbare Stufen, das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde zu erreichen. Sobald der Reiter einigermaßen fest im Sattel sitzt, geht es auf die geführten Runden auf der Reitkoppel. Tatsächlich glänzen rasch die Augen der jeweiligen Reiter. Ob es aus Freude ist, eine Einheit mit dem Tier zu bilden, oder einfach darüber, eine ordentliche Portion Mut aufgebracht zu haben, vermögen die Gäste dieses Tages nicht in Worte zu fassen. Aber die  dankbaren Blicke drücken   genug aus.

Gast Manuel ist besonders schlimm dran. Meist sitzt er nur zusammengesunken im Rollstuhl, kaum fähig, die Arme zu bewegen. An Reiten ist bei ihm nicht zu denken, also muss Max her. Ein Mini-Pony mit einer Schulterhöhe von gerade mal 50 Zentimetern. Die Leute vom Almverein haben ihn bei einem finanziell klammen Zirkus ausgelöst, als der gerade in der Region gastierte. Jetzt freut er sich in Naßweiler seines Lebens, teilt sich mit Esel Moritz ein Gehege. Als Max aus dem Gatter gelassen wird, zeigt auch Moritz sich neugierig auf den Besuch. Es gelingt  ihm, kurz auf die Koppel auszubüchsen. Doch die wachsame Vereinsvorsitzende hat aufgepasst, packt das fast schwarze Grautier beherzt am Kragen, spricht beruhigende Worte und schiebt den Sturkopf mit angemessenem Druck zurück in die Umzäunung.

Wenig später stehen sich der an den Rollstuhl gefesselte Manuel und Mini-Pony Max Aug’ in Aug’ gegenüber. Auch hier ein zaghaftes Streicheln, dann bringt Tierfreundin Hinnüber eine Karotte ins Spiel. Darauf ist Max stets versessen und knabbert sofort die Spitze ab. Das kann Manuel auch. Kurz hält er den Rest der „Gellerieb“ fest, da packt Max schon behutsam zu. Auch hier hilft der Kontakt zwischen Mensch und Tier, kurz das Handicap des Jungen zu vergessen.

Hat sich der Andrang am Besuchstag der Lebenshilfe kontrolliert in Grenzen gehalten, war er am Sonntag beim offiziellen, inzwischen vierten Almauftrieb riesengroß. Mehr als  1500 Gäste, schätzt Hinnüber, das Essen rechtzeitig vor Veranstaltungsende ausverkauft, sogar der letzte Flammkuchen habe den Weg in einen hungrigen Magen gefunden.

Das ganze Jahr über ermöglicht der Verein Kindern und Jugendlichen die Begegnung mit Tieren, insbesondere mit Pferden. Damit sollen die Kleinen Kraft schöpfen, Sozialkompetenz erwerben und Persönlichkeit und Verantwortungsbewusstsein entwickeln. Weiter unterhält der Verein einen Gnadenhof und engagiert sich für den Tierschutz. Der große Wunsch ist ein Reitzelt –  das kostet allerdings 20 000 Euro, was wohl nur mehrere Gönner zusammen leisten können.

Kleiner Reiter auf großem Pferd: Manche Besucher der Ziegenalm bewiesen richtig Mut – und waren darauf dann auch stolz. Mehr als 1500 Gäste kamen zum Tag der offenen Tür. Foto: Andreas Lang

Für den Besuchstag der Lebenshilfe und weitere Zusammenarbeit hat sich mit der Stiftung Town und Country ein Unterstützer gefunden, den Helmut Müller vertritt. „Wir setzen uns für Familien ein, die bei einem Bauvorhaben in Not geraten sind“, informiert er. 1000 Euro hat er für die Pferde- und Ziegenalm mit dabei. Hinnüber: „Diesen Stiftungspreis möchten wir als Anzahlung für ein neues Vereinsheim nutzen. Das würde es uns ermöglichen, künftig regelmäßigen Austausch mit der Lebenshilfe zu halten.“

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