Kinder der Kohle : Am 16. August hat das neue Stück "Pulse" Premiere

Freiluft-Schauspiel über Bergbau : Sie leben Europa: Rückkehr der Kohlekinder

Nach zwei Jahren Pause zeigt der Verein Les enfants du charbon (Kinder der Kohle) wieder ein Theaterstück: „Pulse“. Mit Feuerwerk und Licht-Projektionen – und neuer Handlung.

Zwei Jahre waren sie von der Bildfläche verschwunden. Zwangspause. Nun sind sie wieder da, verändert, aber mit der gleichen Energie und Ernsthaftigkeit wie je: Les enfants du charbon, die „Kinder der Kohle“, bereiten von neuem ein großes Theaterstück vor, das von der Geschichte des Kohlebergbaus im deutsch-französischen Grenzraum handelt.

In der Halle ganz oben in der einstigen Kohlewäsche des Bergwerksdenkmals Wendel in Petite Rosselle hat die allabendliche Probe schon begonnen. Ein  Dutzend Frauen, Koffer in der Hand, steht vor den Fenstern aufgereiht. Marschiert saaleinwärts, stoppt, beginnt Sprechtexte. Amélie Patard, im Schneidersitz auf dem Boden, schaut kritisch zu. Unterbricht: Tempo und Rhythmus stimmen noch nicht. Nochmal. Wieder korrigiert die Choreografin, mit ausladenden Gesten, gespannt, aber geduldig. Nochmal. Und nochmal – Probe, das heißt auf Französisch nicht zufällig „répétition“, Wiederholung.

Die Tanz-Leute brechen auf Richtung Außengelände. Emma Barcarolli ruft eine andere Gruppe zum Fenster. Atemübungen. Langsamer, kontrollierter Fluss. Zwerchfell-Impulse. Singen, kleine Tonfolgen, Vokal „i“, dann Vokal „o“, um die Resonanzräume des Körpers zu erspüren, in der Brust, im Kopf.  Bewegungstraining, Sprechtechnik, Stimmbildung: Die Profis, die an der Kohlekinder-Produktion beteiligt sind – neben Amélie Patard und  Emma Barcarolli noch einige weitere Schauspieler, Tänzer, Sänger –, sind zugleich Trainer für die gut 50 Laiendarsteller. Und sie übernehmen die tragenden Rollen im Stück.

Das Stück: Ist es geblieben, was es war, als die Kohlekinder 2013 neu begannen (siehe Artikel unten)? Laurent-Guillaume Dehlinger, Autor und Regisseur, schüttelt den Kopf. In den zwei Pausen-Jahren habe er viel nachgedacht über das Stück, sagt er, und ganz viel geändert. 80 Prozent des Stücks seien neu. Er zögert: 80 Prozent? Ach was, 85.

Was alles neu ist? Dehlinger holt erstmal aus zu Gedanken über das Thema. Geschichte werde meist als „offizielle“ Geschichte geschrieben, quasi von oben. Auch das Kohlekinder-Stück der ersten Jahre, Sylvie Dervaux’ Son et lumière-Spektakel, habe diese Perspektive eingenommen. Die „offizielle“ Geschichte sei aber nie die „wahre“, zu der gehöre die Sicht der Menschen, der Alltag der kleinen Leute – „comédie sociale“ nennt er den eigenen Theater-Ansatz. Dieser Alltag sei hier in der Region ein ganz besonderer: Er spielt sich im Grenzraum ab, und der habe unglaubliche Veränderungen erlebt. Stichwort Europäische Union: „Früher haben die Leute im Rucksack Dinge über die Grenze geschmuggelt, weil sie keinen Zoll bezahlen wollten – und dann war die Grenze plötzlich weg!“

Leben an einer Grenze, die keine Rolle spielt, das sei entscheidend, für das Saarland wie für Lothringen, meint Dehlinger. Wie auch immer Wahlen ausfallen: „Die Menschen hier sind Europäer, auch wenn es ihnen gar nicht bewusst ist – sie leben das einfach.“ Noch etwas präge den Alltag, ohne dass man es sich stets vergegenwärtige,  ein Schlüsselereignis: „la chute du mur“, der Mauerfall 1989. Und wie wird aus all diesen Überlegungen Theater? Dehlinger und Sylvie Pellegrini, Co-Autorin und -Regisseurin, lachen herzhaft los. „Darauf sind wir auch gespannt!“, sagen beide.

Draußen „sur le site“ ist bei der Probe gerade eine Szene dran, in der man Dehlingers Handlungsgerüst für das neue Stück „Pulse“ ahnen kann. Der junge Alec, die Hauptfigur, stammt aus der Region, hat aber nie da gelebt und weiß nichts über sie. Er möchte bei seiner Rückkehr wissen – aber niemand kann oder will sich an Vergangenes erinnern, „die Leute glauben, sie seien bei einem Feuerwerk“, sagt Dehlinger. Nur ein Fotograf kennt noch das Gewesene, würde seine Bilderschachtel zwar am liebsten geschlossen lassen, öffnet sie dann aber doch. Alec erfährt, dass sein Bruder Bergmann war und bei einem Grubenunglück umgekommen ist. Taucht ein in dessen Leben und ins Leben seiner Vorfahren: So ungefähr sieht  Dehlingers Kurzbeschreibung aus. Auf die ätherische, hochsymbolische  Frauengestalt, die in der Ur-Version seines Stücks wichtig war, hat er jetzt verzichtet; „keine heilige Barbara mehr“, sagt er lächelnd. Eine Liebesgeschichte gebe es aber schon, „das braucht man im Theater“.

„Stelle wirklich Fragen!“, ruft Dehlinger von der noch unvollständigen Tribüne hinüber zu Mathieu Sacucci, dem Alec-Darsteller. Nochmal. Und nochmal. „Frage nach dort“, sagt der Regisseur einer Laiendarstellerin und zeigt nach schräg links. „So?“, fragt sie zurück. „Nein, so“ – ein paar Wiederholungen und Variationen für die zwei kurzen Sätze, bis die Darstellerin lachen muss. Ansteckend, Dehlinger  lacht mit.

Laurent-Guillaume Dehlinger, Autor und Regisseur. Foto: Doris Döpke
Emma Barcarolli kümmert sich um Stimmbildung. Foto: Doris Döpke
Die Choreografin Amélie Patard bei der Arbeit. Neben ihr sitzt Olivier Boudrand, ein weiterer Theater-Profi. Foto: Doris Döpke
Sylvie Pellegrini, Co-Autorin und -Regisseurin. Foto: Doris Döpke

Weiter. Diszipliniert, konzentriert, dabei stets freundlich. Zwischendrin noch ein paar intensive Übungsminuten mit Choreografin Amélie Patard. „Pas mal“, nicht schlecht, sagt Dehlinger schließlich. Und schickt seine Truppe zum Abendessen.

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