Großrosseler Denkmal-Pflegefälle

Großrosseln. Peter Duchene hat unerwartet Post bekommen. Wie Hartmut Lange, Sprecher der Deutschen Bahn, gestern auf SZ-Anfrage mitteilte, hat das Unternehmen dem Großrosseler Bürgermeister vor zehn Tagen einen Brief geschrieben. Thema: der denkmalgeschützte alte Bahnhof und seine heruntergekommene Umgebung

Großrosseln. Peter Duchene hat unerwartet Post bekommen. Wie Hartmut Lange, Sprecher der Deutschen Bahn, gestern auf SZ-Anfrage mitteilte, hat das Unternehmen dem Großrosseler Bürgermeister vor zehn Tagen einen Brief geschrieben. Thema: der denkmalgeschützte alte Bahnhof und seine heruntergekommene Umgebung. Die Bahn, zitiert Lange aus dem Schreiben, wolle den Bemühungen "um eine Aufwertung des Geländes nicht im Wege stehen", auch im Blick auf die "Freizeit-Nutzung" der Schienentrasse (sprich: die Draisinenfahrten, die der Verein zur Förderung des Warndt-Tourismus seit 2007 anbietet). Die Bahn hat nun der Gemeinde angeboten, Bau und Gelände zu übernehmen. Wobei der Brief nichts darüber enthalte, zu welchen Bedingungen der Bahnhof den Eigentümer wechseln könnte. Dazu sagt auch Lange nichts: "Immobiliengeschäfte machen wir nicht in der Öffentlichkeit." Ja, fügt er auf Nachfrage hinzu: Verhandlungen mit privaten Interessenten, auf die die Bahn noch im Herbst setzte (wir berichteten), blieben ergebnislos.Auch die Bemühungen von Landesdenkmalamts-Leiter Josef Baulig (Foto: bub), eine Sanierung des maroden Baus in Gang zu setzen, führten bisher zu keinem Ergebnis. Noch nicht, sagt Baulig - die Gespräche, die er begonnen hat, will er fortsetzen. Im Frühjahr sei geplant, alle Akteure an einen Tisch zu bringen, Bahn, Gemeinde, Denkmalpflege, einschlägig engagierte Vereine. Dabei müsse geklärt werden, zu welchen Konditionen die Bahn den Bau abgebe. Und was Sanieren koste. Schrittweise. Erst Dach, Fenster, Türen, Fassade verschließen, als Schutz vor Wetter und Vandalen. Dann, Stück um Stück, die eigentliche Sanierung; "potenzielle Interessenten müssen ja wissen, was auf sie zukommt". Zur Finanzierung sieht Baulig viele (Zuschuss-)Möglichkeiten. Gerade jetzt, da im Rahmen des "Konjunkturpakets II" Geld bereit stehe; dessen Verteilung sei allerdings noch offen. Auf jeden Fall, sagt Baulig, könne man "in Großrosseln mehr tun als sonst", wenn die Gemeinde das Bahnhofs-Areal als Sanierungsgebiet ausweise. Ja, sagt er auf Nachfrage, in der Regel erhalte ein öffentlicher Investor höhere Zuschüsse für derlei Projekte als ein privater. Aber: "Will die öffentliche Hand das?" Die Gemeinde will wohl nicht. Duchene konnten wir zwar gestern nicht fragen, da er in Kur weilt; doch er hatte im Herbst kategorisch erklärt, seine Verwaltung könne das Projekt nicht stemmen (wir berichteten). Dennoch schließt Baulig nicht aus, "dass die öffentliche Hand - wer auch immer - sich engagiert".Baulig ist daran gewöhnt, dass so etwas dauert. Quasi von Berufs wegen. Ganz nah beim Bahnhof hat er einen weiteren Denkmal-Pflegefall, das marode Haus Jochum in der Bahnhofstraße 10. Dort müssen, ehe an Sanierung zu denken ist, juristische Fragen geklärt werden: Nach dem Tod der Eigentümerin hat deren Familie das Erbe ausgeschlagen, nun ist die öffentliche Hand in der Pflicht - aber wer, und wie? Im Vergleich zu diesen Komplikationen sind für Denkmalpfleger, so scheint es, die Bahnhofs-Probleme ungleich kleiner. Und bei der Übernahme dieses Baus, sagt Baulig, könne vielleicht "Modell" sein, was das Denkmalamt mit der RAG Montan ausgehandelt hat: Käufer von Bergbau-Denkmälern erhalten das Grundstück für null Euro; als Anschub fürs Sanieren zahlt die RAG ihnen die gesparten Abrisskosten aus.

 Marode und nur notdürftig gesichert: Das Haus Jochum in der Großrosseler Bahnhofstraße 10. Foto: Becker & Bredel
Marode und nur notdürftig gesichert: Das Haus Jochum in der Großrosseler Bahnhofstraße 10. Foto: Becker & Bredel

HintergrundDas Haus Jochum, errichtet in den 1870er Jahren, ausgebaut von 1920 bis 1930, ist seit 2004 Denkmal. Seine bis heute erhaltenen Bau-Merkmale zeigen "anschaulich zwei nachkriegszeitliche Aufschwungphasen der Region", heißt es in der Denkmalliste. Und: Der Bau sei seit mehr als 100 Jahren "wichtiger wirtschaftlicher Standort und sozialer Treffpunkt", damit ein Zeugnis der Ortgeschichte. dd