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Geruchsbelästigung als Zündstoff

Großrosseln. Die Chemieplattform Carling stinkt weit in den Warndt hinein – so wird es gern und oft behauptet. Die Erhebung von plausiblen Tatsachen erweist sich aber als schwer. Weder Mensch noch moderne Maschine können Zusammenhänge beweisen. Peter Wagner

Wo kommt eigentlich der Gestank im Warndt her? Wie stinkt es wann und wo? Wie stark? Oder ist das gar nicht schlimm? Angestoßen aus der Bevölkerung, die als Verursacher die Chemieplattform im französischen Carling in Verdacht und Angst um die Gesundheit hat, gab das saarländische Umweltministerium Mitte 2014 ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt zur Geruchsüberwachung in Auftrag.

Der Auftragnehmer, die Saarbrücker Firma "3 S - Gas Sensing Solutions", baute ein Geruchsnetzwerk aus Freiwilligen in zahlreichen Orten auf, auch im Kreis Saarlouis. Die Bewohner sollten zweimal täglich sowie in Fällen besonderer Geruchsbelastungen ihre Eindrücke auf Fragebögen oder per Mail schildern.

In Differten, Überherrn, Dorf im Warndt, Emmersweiler, Karlsbrunn und Lauterbach wurden außerdem Mess-Stationen installiert. Ihre Systeme waren, wie Firmenchef Thorsten Conrad es nennt, zu Beginn quasi dumm gestellt und lernten mit den ihnen eingespielten Schilderungen der Menschen hinzu. Was die Nasen der teilnehmenden Menschen an Eindrücken empfanden, wurde den Maschinen beigebracht.
Geruchsquellen gesucht


Das Projekt diente also der Suche nach Geruchsquellen (nicht der Messung von Schadstoffen, die könnten ja auch geruchlos sein), sondern auch dem Anlernen der Systeme. Wenn sie mit sehr vielen starken und plausiblen Eindrücken gefüttert würden, so der Wunsch der Erfinder, dann wäre eines Tages auf sie mehr Verlass als auf die Natur.

Sei es drum, bei der Sache kam, bei sehr großem Willen zu Beginn, vergleichsweise wenig heraus, wie der saarländische Umweltminister Reinhold Jost (SPD ) und Ingenieur Thorsten Conrad am Montag in Großrosseln mitteilten. Das lag nach Schilderung der Initiatoren daran, dass das Geruchsnetzwerk wohl nicht eng genug gestrickt war. Von anfänglich 50 Projekt-Begeisterten gingen nur 35 am 1. Oktober an den Start, zuletzt machten noch sieben Personen engagiert mit.

Von insgesamt in 103 Projekttagen zu erwartenden 7210 Stellungnahmen über Gestank ging die Hälfte ein. 2400 Mal meldeten die Teilnehmer "keinen Geruch", 207 Mal wurde ein stechender Geruch mitgeteilt, beim Gegenchecken mit der ständig beobachteten Windrichtung konnten 112 Ereignisse wegen der Südwestrichtung prinzipiell auf Carling zurückgeführt werden.

Nach Schilderung des Wissenschaftlers waren die einzelnen Angaben aber derart widersprüchlich beziehungsweise nicht plausibel, sodass am Ende ganze zwei gravierende Ereignisse genau auf Carling passten (ein weiteres auf einen anderen Verursacher). Außerdem war keine Aussage möglich, ob die Mess-Systeme zum Lernen von Gestank geeignet sind.

Jost, der die bisherigen Kosten mit 50 000 Euro angab, zeigte sich bereit, das Projekt fortzuführen, um verlässliche Aussagen über Gerüche im Warndt treffen zu können. Dazu müsste aber auch eine Messstation in Frankreich aufgestellt werden; das könne gelingen. Zweitens müssten sich deutlich mehr Menschen in dem Netzwerk engagieren.
Gutachten zur Transparenz?

Umweltminister Reinhold Jost fühlte sich vor den 70 Zuhörern mehrfach gedrängt, auf das Machbare der saarländischen Regierung hinzuweisen: Das Saarland könne nicht in Frankreich einmarschieren und einfach so Mess-Stationen aufbauen oder Fabriken schließen. Es sei durch gute Kommunikation gelungen, Informationen zu erhalten und an Sitzungen - mit Dolmetschern - teilnehmen zu können. Zu Transparenz könne auch ein neues Gutachten beitragen, das die Luftqualität im Warndt seit 2009 untersuche, sagte der Minister. Nach Worten von Jost, der sich auf das Gesundheitsministerium berief, liege im Warndt weder die Zahl der Lungenerkrankungen noch der Krebsraten über dem Durchschnitt.