Kostenpflichtiger Inhalt: Das bekannteste Postamt Deutschlands : Am Nikolaustag gibt’s hier begehrte Stempel

Viele Ehrenamtlichen sind am 6. Dezember im Dienst des Heiligen. Die ersten Schreiben erreichen das Warndtdorf schon im Sommer.

Die Straßen des Örtchens St. Nikolaus sind wie ausgestorben. Nebelschleier hängen in den Bäumen, die das Örtchen im Warndt umgeben. Reif bedeckt noch am späten Vormittag die Grashalme und das Laub in den vielen weihnachtlich geschmückten Vorgärten.

Am St. Nikolaus-Tag scheint St. Nikolaus auf den ersten Blick ein Ort wie so viele andere stille Dörfer zu sein. Erst die vielen Schilder verraten das Besondere. Sie führen jeden, der dorthin kommt, in ein weltweit bekanntes Postamt: Von dort versendet der Nikolaus Briefe auf alle Kontinente. Nun ist der an seinem Namenstag verhindert. Er hat andere Termine, muss in die Schulen, um dort die Kinder zu beschenken.

Die Freunde des heiligen Mannes können sich trotzdem darauf verlassen, dass sie einen Brief aus dem Warndt bekommen. In seiner Abwesenheit springen die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer aus der 850-Einwohner-Ortschaft ein und beantworten die unzähligen Zuschriften.

Das Nikolauspostamt im Warndt ist einzigartig in Deutschland. Zwar beantworten auch andernorts Poststellen Weihnachtsbriefe. Das Warndt-Postamt läuft jedoch seit Jahrzehnten im Winter über Wochen als einziges dank der Tatkraft eines eingetragenen Vereins. Der Festausschuss St. Nikolaus betreibt das Postamt schon seit 1966.

In der Poststelle mischt sich der Geruch frisch gebackener Zimtwaffeln mit dem holzigen Duft von Papier. Auf jedem der sechs dunklen Tische steht neben Tannenzweigen und Plätzchentellern immer ein Briefmarkenbefeuchter bereit. Orange leuchtet das Schwämmchen im dunkelgrünen Kunststoffgehäuse – wie in allen Postfilialen.

Die ehrenamtliche Helferin Bianca Wagner beantwortet meist Briefe von Kindern. Zwischendurch steht sie den Gästen beim richtigen Frankieren der Weihnachtskarten zur Seite. „Ich mache es lieber auf die altmodische Art“, erklärt Wagner und befeuchtet die Briefmarken mit ausreichend Spucke.

Die Sonderbriefmarken aus St. Nikolaus sind bei Sammlern beliebt, deshalb sei immer wichtig, dass sie richtig auf den Sendungen kleben. Erich König (83) kauft seit 1966 jedes Jahr in St. Nikolaus Postkarten und Sonderbriefmarken. Der ehemalige Schulrektor schickt sie an Freunde und Bekannte nach Italien, Kanada oder in die USA. Carmen Essler hat schon einen riesigen Stapel Karten für ihre Patenkinder frankiert: „Wenn man einmal damit angefangen hat, wollen sie jedes Jahr eine Karte.“

Das Nikolauspostamt ist erst seit 2005 im alten Schulhaus der Ortschaft. Davor bearbeiteten die Ehrenamtlichen die Briefe in einer Sporthalle. Damals war das Postamt nur am Nikolausabend, 5. Dezember, und am Nikolaustag, 6. Dezember, geöffnet. Seit dem Umzug öffnet es bis zum Heiligen Abend täglich für zwei Stunden.

Nur am 5. und 6. Dezember dabei ist Walter Freisewinkel. Der ehemalige Mitarbeiter der „Poststelle-Nord Sonderposten“, zu der das Saarland gehört, spricht mit markantem Hamburger Akzent, während er den Briefen mit einem „Klack“ den gültigen Poststempel aufdrückt. „Kerzenschein und Plätzchenduft“ steht 2019 drauf.

Freisewinkel ist eigentlich pensioniert, hilft aber immer in St. Nikolaus. „Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich schon hier war.“ Am Nikolaustag selbst geht es aber schon zurück nach Hamburg. Das Stempeln übernehmen danach die Ehrenamtlichen aus St. Nikolaus.

Zum Beispiel Elke Richter. Die Rentnerin hat den Postkarten- und Briefmarkenverkauf im Griff. Bei der Vielzahl an Motiven auf dem langen Tisch fällt es manch einem schwer, den Überblick zu behalten. Ihr nicht. „Wir bringen jedes Jahr neue Motive heraus. Die meisten fragen nur nach dem neuesten“, sagt Richter. Die aktuelle Marke zeigt den Bischof mit lila Gewand und Bischofsmütze. Er liest bei Kerzenschein den Brief eines Kindes. Die Idee hatte Peter Gericke, der Vorsitzende des Festausschusses. Natürlich musste das Motiv zur Botschaft auf dem offiziellen Stempel passen.

„Peter Gericke ist ein Perfektionist und sehr detailverliebt“, sagt Ortsvorsteher Christian Frey, der ehrenamtlich im Postamt hilft. Das ganze Jahr müssen die Gerickes Vorbereitungen treffen, damit das Nikolauspostamt in der Weihnachtszeit rundläuft.

Für die Kinderbriefe aus aller Welt haben Peter und Sabine Gericke ihre Garage freigeräumt. So kann jeder, der ehrenamtlich Briefe beantwortet, einen Stapel abholen, wenn er Zeit hat. Bianca Wagner erzählt, dass bereits im Sommer Antwortschreiben vorbereitet werden. Dann kommen zum Beispiel schon Briefe aus Zypern an. Manche Kinder wollen eben unbedingt die Ersten sein, die dem Nikolaus schreiben. „Es gibt acht verschiedene Antwortschreiben, zum Beispiel eins für Briefe mit selbstgemaltem Bild oder eins für Briefe mit Wunschzetteln“, sagt Bianca Wagner. Adressiert werden die Antwortbriefe immer handschriftlich. Sogenannte „Kummerbriefe“ an den Nikolaus beantwortet das Team grundsätzlich persönlich. Bis zum Nikolaustag haben Sabine Gericke und ihr Team bereits 11 000 Briefe aus aller Welt gelesen. Ab dann gehen jeden Tag rund 1000 weitere Schreiben ein, die beantwortet werden wollen.

Den Ehrenamtlichen ist es wichtig, Zehntausenden Nikolaus-Fans wie Laura mit den Antwortschreiben eine Freude zu bereiten. Foto: BeckerBredel
Weihnachtsmarken und Sonderstempel aus St. Nikolaus sind nicht nur vor dem Fest bei Sammlern postalischer Raritäten begehrt. Foto: Iris Maria Maurer

Für die Gerickes und ihre Mitstreiter in St. Nikolaus ist der Nikolaus eben das ganze Jahr präsent, nicht nur am 6. Dezember.