Katharina Grosse stellt in Metz aus Farbenfrohe Sprühkunst im Centre Pompidou

metz · Die deutsche Künstlerin Katharina Grosse zeigt in Metz eine ihrer großen, farbenfrohen Installationen. Diese hatte sie in Sydney gezeigt und für diese Ausstellung überarbeitet. Somit bekommt sie ein zweites Zuhause, wie Grosse sagt.

 Katharina Grosses Kunstwerk setzt sich in Metz auch vor dem Gebäude des Centre Pompidou fort.

Katharina Grosses Kunstwerk setzt sich in Metz auch vor dem Gebäude des Centre Pompidou fort.

Foto: Silvia Buss

„Ja, so!“, denkt man unwillkürlich beim Betreten der Grande Nef im Metzer Centre Pompidou. So groß, großartig, überwältigend groß hatte man eine Ausstellung mit Werken von Katharina Grosse auch in Saarbrücken erwartet, wo sie im Vorjahr jedoch „nur“ mit für Grosse-Verhältnisse kleinen, gerahmten Bildern mit Bäumen vertreten war. Über 20 Meter hoch ist die größte Ausstellungshalle des Metzer Shigeru-Ban-Baus, in der die international sehr hoch gehandelte deutsche Künstlerin eine sagenhafte 8250 Quadratmeter messende Leinwand ringsum an stabilen Seilen aufgehängt hat und zum Betreten dieses Raums im Raum einlädt.

Genauer gesagt müsste man vom Eintauchen in ein Farbbad sprechen. Denn wie so oft hat Grosse die weiße, theatralisch drapierte Leinwand mit vielen leuchtenden Farben besprüht. „Farbe ist Präsenz und Energie und hat eben diese große Kraft, etwas zu transformieren“, antwortet Grosse auf die Frage, was Farbe für sie bedeutet. Und warum arbeitet sie nicht monochrom, sondern zieht Vielfarbigkeit vor? Auch hierfür hat sie eine Antwort, die einleuchtet: „Weil dadurch der Perspektiv-Wechsel ständig stattfindet. Sie sind ständig in einer neuen Situation, in einer neuen Farbumgebung und dadurch auch gezwungen, sich immer wieder neu mit der Arbeit zu beschäftigen“. In der Tat treibt es einen in diesem riesigen Stoffraum unwillkürlich immer weiter, wendet man sich ständig nach links oder rechts, um das Farbzusammenspiel aus allen Blickwinkeln zu betrachten.

Mit großen kreisenden Armbewegungen, scheint es, hat Grosse, die Acrylfarben mit der für sie charakteristischen Sprühpistole aufgetragen. Das gibt ihrer Farblandschaft eine erstaunliche Dynamik. Indem sie die Farben nicht parallel, sondern quer und schräg zur weichen Faltung des Stoffs sprüht, kommen auf Schritt und Tritt neue Facetten hinzu. Wahlweise kann man sich geborgen fühlen in dieser farbfröhlichen Stofflandschaft oder auch etwas verloren, winzig beim Blick in die Höhe oder als aktive Entdeckerin, wenn man sich wie viele mit dem Handy kleine Details aus dem Farbkosmos herauszoomt.

Da passt auch der Titel dieser Arbeit „Shifting the Stars“, laut Grosse eine Anspielung auf die traditionelle Navigation der Schiffe anhand des Sternenhimmels, sehr gut. Den Leinstoff hatte die Künstlerin schon 2018 mit Farben gestaltet und unter einem anderen Titel im Kulturzentrum Carriageworks in Sidney auf – laut Fotos – auf ähnliche Weise drapiert. Grosse schafft ihre raumgreifenden Installationen immer „ortsbezogen“, jedoch oft nur für eine gewisse Präsentationszeit. Die Sidney-Arbeit hat die abwechselnd in Berlin und Neuseeland lebende Künstlerin damals nach dem Abbau mitgenommen.

Als die Einladung ins Metzer Centre Pompidou kam, sah Grosse die Chance, der Installation „ein zweites Zuhause“ zu schaffen. Metz erhielt gleichwohl eine ganz andere Arbeit: Drei Wochen hat Grosse hier den Stoff neu zusammengenäht, neu drapiert und mit Farben nochmals überarbeitet, um jenes „symbiotische Verhältnis mit der Architektur“ herzustellen, um das es ihr stets geht. Anders als in Sidney habe es sich hier auch angeboten, auch den Boden um die Stoffinstallation herum mit Farbe zu bearbeiten und dies bis nach draußen fortzusetzen: Da durch die großen Fenster ein Blickkontakt zwischen innen und außen möglich sei, wie Grosse erklärt. Die vereinfachten, aber ebenso bewegt-gerundeten Farbfelder an der Seite des Pompidou-Baus hatten sich Passanten jeden Alters schon vor der Eröffnung der Ausstellung zu einem beliebten Selfie-Ort erkoren.

Ob sie das Farberlebnis von dort auch ins Innere locken wird? Dort gibt es noch zwei weitere Werke von Grosse zu entdecken: Im Forum verliert sich etwas eine Art Nachbau oder Neuinterpretation einer Arbeit von 2004, in der sie erstmals einen kompletten Raum samt Mobiliar, ihr eigenes Schlafzimmer, übersprühte. Und als Kontrapunkt zur farbsatten Groß-Installation hat Grosse in der Grande Nef drei Baumstämme mit Wurzelwerk in Schräglage mit weißen Leinwandstreifen vor einer Wand arrangiert. Alle fragten sie nun, warum sie die Baumarbeit nicht übermalt habe, wie sonst so oft, erzählt die Künstlerin amüsiert und gibt die Antwort: „Um etwas anderes auszuprobieren“. Und da nun mal der Bogen zu Saarbrücken geschlagen ist: Nein, entgegnet Grosse entschieden, dass sie in der Modernen Galerie keine XXL-Installation geschaffen, sondern eine Gruppe von Baumbildern gezeigt habe, habe weder architektonische noch finanzielle Gründe gehabt. Vielmehr: Sie könne und wolle nicht überall immer das Gleiche machen, um irgendjemandes Erwartungen zu erfüllen. Ihr Werk bestehe ja nun mal auch aus jenen Studiopaintings, denen derzeit eine große Ausstellung im Kunstmuseum Bonn gewidmet sei.

Katharina Grosse, „Déplacer les étoiles“ (Shifting the Stars), Centre Pompidou Metz, bis 24. Februar. Freitag, 28. Juni, Konzert mit Katharina Grosse und Stefan Schneider, Grande Nef, 20 Uhr.