Gefährliche „Fahnenflucht“ - ein Saarbrücker Senior erinnert sich

Erinnerung : Gefährliche „Fahnenflucht“

Hermann Schömer blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück. Diesen Donnerstag wird er 90.

Es war in einer Februarnacht im Jahr 1945. Der 16-jährige Hermann Schömer und seine ganzen Freunde aus Elversberg wurden am Tag zuvor nach Höchen gebracht und sollten dort in Windeseile zu Soldaten ausgebildet werden. Es herrschte Krieg, und Deutschland gingen die Soldaten aus. Also musste auch die Jugend zur Waffe greifen. „Ich hasste den Krieg. Ich wollte schon immer Menschen helfen, und plötzlich wollte man mich ausbilden, Menschen zu töten. Da machte ich nicht mit“, erzählt Hermann Schömer. Er packte in jener Nacht also seine sieben Sachen, sprang aus dem Fenster und machte sich auf den Weg durch den Wald nach Neunkirchen. Der 16-Jährige beging somit das, was man „Fahnenflucht“ nannte. Sollte ihn die Schutzstaffel (SS) schnappen, drohte ihm die Todesstrafe.

Doch nicht nur davor hatte Hermann Schömer im Wald Angst. „Die Soldaten der Amerikaner waren kurz davor, das gesamte Gebiet mit Elversberg und Neunkirchen einzunehmen. Es wurde überall mit schwerer Artillerie geschossen. Im Wald branden Bäume, und brennende Äste flogen von den Bäumen. Ich stürzte ein paar Mal in Bombengräben. Diese Nacht werde ich nie vergessen. Ein solches Gefühl hatte ich nie wieder“, erklärt der Elversberger, der schon mehr als 50 Jahre in Saarbrücken lebt.

Im Morgengrauen traf Hermann in Neunkirchen auf Feuerwehrleute, die eine zerstörte Brücke reparierten. Die Feuerwehrleute rieten ihm, sich bloß nicht erwischen zu lassen. Zwei Kilometer weiter lief der 16-Jährige einer großen Gruppe von deutschen Soldaten direkt in die Arme. „Ich war mir sicher, dass es aus war. Die Soldaten fragten, wo ich hin wolle, und ich sagte nur: ‚Nach Elversberg’“, erinnert sich Hermann Schömer, als wäre es gestern gewesen.

Die Reaktion der Soldaten war für ihn allerdings völlig verblüffend: „Die haben sich gefreut, dass sie endlich jemand getroffen hatten, der sich auskannte. Ich habe die Truppe schließlich angeführt und nach Elversberg gebracht. Ein paar Mal mussten wir uns auf dem Weg flach auf den Boden werfen, da wir beschossen wurden.“ In Elversberg angekommen, verabschiedet sich Hermann, bekam Lob und Dank von den Soldaten und ging nach Hause. Keiner ahnte, warum Hermann auf dem Weg nach Elversberg gewesen war.

Wenige Tage später hatten die Amerikaner das Kommando übernommen und Hermann musste doch nicht mehr in den Krieg ziehen. „Ich habe viele Sachen in meinem Leben erlebt, aber das war das mit Abstand Aufregendste“, sagt der Senior, der an diesem Donnerstag seinen 90. Geburtstag feiert – im Egon-Reinert-Haus in Saarbrücken, in dem er sich nach einem Schlaganfall gerade in Kur befindet.

Mit dem Egon-Reinert-Haus fühlt er sich auch eng verbunden, ebenso mit dem Langwiedstift und dem Wohnstift am Reppersberg. „Mein Bruder war gelähmt, und ich half ihm täglich. Das habe ich irgendwann bei ganz vielen älteren oder kranken Menschen gemacht“, erinnert sich der 90-Jährige, der ursprünglich Industriekaufmann lernte, auch beim Saarländischen Rundfunk arbeitet und Verwaltungsdirektor der Saarland Versicherung war. Im Jahr 1969 gründete Hermann Schömer gemeinsam mit tatkräftigen Mitstreitern den Verein Saarbrücker Altenwohnstift. Im Egon-Reinert-Haus übernahm er sogar mal die Geschäftsleitung.

1986 wurde ihm der luxemburgische Verdienstorden verliehen und 1994 das Bundesverdienstkreuz am Bande. In jungen Jahr lag Hermann Schömer wegen einer schweren Erkrankung auch mal ein Jahr im Krankenhaus. „Ich bin immer noch da“, sagt der 90-Jährige und lacht. Er habe „schon viele größere Aktionen in meinem Leben gestartet. Aber“, so ist er sich sicher, „an die im Februar 45 im Wald von Höchen kommt keine heran.“

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