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WM-Serie: Gast aus Seoul fühlt mit den deutschen Fans

WM-Serie : Gast aus Seoul fühlt mit den deutschen Fans

Fritz Wunderlichs Stimme begeisterte den Südkoreaner Julian Kim einst für den Operngesang – und für Deutschland.

Bis zu seinem 21. Lebensjahr war der Südkoreaner Youn Jin Kim, oder Julian Kim, wie er sich in Europa nennt, nicht gerade ein Opernfan. Er jobbte in Seoul, der Hauptstadt seines Heimatlandes, in der Autowerkstatt seines Vaters. Dann veränderte ein einziger Moment sein Leben komplett. „Ich war auf dem Geburtstag einer Freundin. Sie bekam eine CD mit Titeln von Fritz Wunderlich geschenkt und legte sie auf. Der erste Lied war ,Dichterliebe’ von Robert Schumann. Mir hat es sofort den Kopf weggeblasen“, erzählt der heute 35-Jährige von seiner ersten Begegnung mit der Opernmusik.

Julian Kim war von der einen auf die anderen Sekunde verliebt in diese Musik und lieh sich die CD sofort von seiner Freundin aus. „Ich habe die Scheibe bestimmt 15- oder 20-mal am Tag gehört. Ich habe nichts anderes mehr gemacht“, sagt der Südkoreaner.

Er warf den Job bei seinem Vater hin, machte in Seoul das Abitur, damit er Musik und Operngesang studieren konnte – selbstverständlich an der Musikhochschule Freiburg, dort wo Fritz Wunderlich einst Operngesang studiert hatte. „Ich fuhr zuerst nach Freiburg und schaute mir die Stadt an. Ich wusste sofort, dass ich dort studieren musste. Ich konnte kein Wort Deutsch und musste zuerst Kurse besuchen. Doch das war mir egal. Ich musste Opernsänger werden“, sagt Julian Kim. Und das ist er heute. Genau wie sein Vorbild Fritz Wunderlich.

Seit zwei Jahren wohnt der 35-Jährige in Saarbrücken. „Ich wurde vom Saarländischen Staatstheater als Opernsänger engagiert. Ab diesem Sommer bin ich freischaffender Künstler. Ich werde mich um Engagements in den größten Städten der Welt bewerben“, sagt der Sänger und überlegt. „Aber eigentlich gefällt es mir in Saarbrücken sehr gut. Es ist alles so sauber, und die Luft ist so rein. Ich werde noch eine Zeit lang hier bleiben.“

Deutschland sei so etwas wie die weltweite Hochburg, was Engagements für Sänger, Tänzer und Schauspieler angeht. „In Deutschland gibt es im Jahr mehr als 7000 klassische Veranstaltungen. Auf Platz zwei liegen Frankreich und die USA mit noch nicht einmal 3000 Veranstaltungen“, sagt der Südkoreaner. Deutschland ist auch noch etwa eine Woche lang die Hochburg des Weltfußballs. Nach dem Finale am kommenden Sonntag wird es einen neuen Fußball-Weltmeister geben, und Deutschland wird abgelöst.

Grund für das deutsche Ausscheiden bei dem WM in Russland war die 0:2-Niederlage gegen Südkorea. „Entschuldigung“, sagt Julian Kim und lacht. „Es war glücklich. Deutschland war gegen uns klar besser, hat aber die Tore nicht gemacht. Deutschland wird trotzdem eine Weltmacht im Fußball bleiben“, sagt der junge Mann aus Seoul, der einen Tag nach dem Sieg gegen Deutschland einen Anruf aus seiner Heimat bekam.

„Eine Gruppe von 40 Austausch-Studenten reiste einen Tag nach dem Deutschland-Aus von Seoul nach Saarbrücken. Sie haben mich vorher angerufen, ob es in Ordnung geht, wenn sie jetzt nach Deutschland reisen oder ob es da wegen die südkoreanischen Sieges Probleme geben wird“, erzählt Julian und muss wieder lachen. „Wir sind eben sehr höflich.“

09STV-WM-Teilnehmer Südkorea Foto: SZ/Steffen, Michael

Mit Fußball hat der 35-Jährige normalerweise nicht viel am Hut. Dafür aber mit seiner spät entdeckten Leidenschaft, dem Operngesang. Wohin es ihn noch verschlägt, weiß der nun freischaffende Sänger nicht. „Klar ist aber, dass ich immer singen werde.“ Bis zu acht Stunden am Tag übt Julian Kim, denn auch der Operngesang ist ein hartes Geschäft, in dem sich nur die Besten durchsetzen.