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Gab es mehr häusliche Gewalt während der Corona-Krise in Saarbrücken?

Befürchteter Anstieg : Gibt es während der Corona-Krise mehr häusliche Gewalt?

Hilfs-Hotlines melden bisher keinen gesteigerten Beratungsbedarf. Eine Entwarnung gibt es aber noch nicht.

Deutschland im März 2020. Ein Bundesland nach dem anderen schließt Schulen und Kitas, verabschiedet Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen, in Folge dessen verlieren viele Menschen ihre Arbeit oder müssen ins Homeoffice.

Aus Infektionsschutzgründen war dies alles sinnvoll – doch schnell wurden Stimmen laut, die unter diesen Umständen einen sprunghaften Anstieg der häuslichen Gewalt befürchteten. Jetzt, knapp zwei Monate später, ist ein solcher Anstieg bisher nicht erkennbar: Keine der Hilfshotlines im Regionalverband, bei denen die SZ nachfragte, konnte einen erhöhten Beratungsbedarf registrieren.

Das bedeutet aber nicht, dass die Prognosen falsch waren, wie Mascha Nunold von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) erläutert. Die AWO ist Trägerin der insgesamt drei Frauenhäuser im Saarland, darunter auch des Frauenhauses in Saarbrücken. „Wir verzeichnen keine gestiegenen Aufnahmeanfragen und haben Zimmer frei“, sagt Nunold. Eine Überlastung der Frauenhäuser war zu Beginn der Krise eine der am häufigsten gehörten Befürchtungen. Nun sei laut Nunold das Gegenteil eingetreten: Die Anfragen seien im Vergleich zum „normalen Arbeitsalltag“ zurück gegangen.

Diese Bilanz kann jedoch trügen: „Die Präsenz des Mannes daheim oder die Angst vor einer Ansteckung im Frauenhaus – wegen des Zusammenlebens mit anderen Frauen und Kindern – können hier eine Rolle spielen“, sagt Nunold. „Das Ausmaß der häuslichen Gewalt wird evtuell erst nach dem Ende der Corona-Krise sichtbar.“

Eine Befürchtung, die viele ihrer Kolleginnen teilen. Antonia Schneider-Kerle vom Frauennotruf Saarbrücken vergleicht es mit einer anderen Situation, in der es regelmäßig zu einem Anstieg an häuslicher Gewalt kommt: der Weihnachtszeit. Das „Aufeinanderhocken“ innerhalb der Familie und der Stress an diesen Tagen seien dafür ein Grund. Und doch riefen viele Frauen erst Wochen später an: „Davor haben sie einfach keine Möglichkeit, in Ruhe nachzudenken, was sie dagegen tun könnten.“ 

Die Liste mit Hilfsangeboten kann auf der Website www.frauenrat-saarland.de heruntergeladen werden. Foto: Frauenrat Saarland

Die Beratungsstelle Aldona habe laut Fachleiterin und Beraterin Barbara Filipak ebenfalls nur wenige neue Fälle. Es sei aber zu beobachten, dass die Situation der Frauen, die der Beratungsstelle bereits bekannt seien, sich teils deutlich verschärft habe. „Wir haben schwer traumatisierte Frauen, die jetzt keine Therapie erhalten können“, erzählt Filipak. Viele seien verzweifelt, weil sie arbeiten müssen, aber momentan keine Kinderbetreuung möglich ist. Überhaupt sei die Existenzangst ein großer Risikofaktor bei häuslicher Gewalt. Einerseits, weil diese bei Tätern zu Aggression führt – andererseits, weil für die Frauen eine Trennung dadurch schwerer wird. Sie hält es für möglich, dass der Großteil der Gewalt erst noch passieren wird: „Die Existenzangst steigert die Gefährdung. Doch das passiert nicht sofort“, erklärt sie. „Menschen haben Ressourcen, um mit einer solchen Situation umzugehen. Aber eben nicht ewig.“

Sie sei sicher, dass man den Anstieg bis Ende des Jahres noch merken werde. Antonia Schneider-Kerle sagt: Das, was sie und ihre Kolleginnen momentan erlebten, sei wohlmöglich „die Ruhe vor dem Sturm.“ Überraschenderweise gäbe es aber auch positives zu berichten. Mascha Nunold berichtet von einem viel engeren „sozialen Miteinander“, das durch die Krise entstanden sei. So seien für die Kinder, die in den Frauenhäusern leben, sehr viele Kleider und Spielsachen gespendet worden, worüber alle sehr dankbar seien. Und Antonia Schneider-Kerle habe beobachtet, dass die Bevölkerung für das Thema „häusliche Gewalt“ inzwischen mehr sensibilisiert ist – erkennbar daran, dass sie vermehrt Anrufe von besorgten Freundinnen und Nachbarn erhalten habe. Sie klingt regelrecht verblüfft, als sie davon berichtet – als sei eine solche Entwicklung bei diesem wichtigen Thema fast zu schön, um es zu glauben.