Mal was anderes in der Schule: Fünftklässler proben das Märchenmusical „Die 12 Schwäne“

Mal was anderes in der Schule : Fünftklässler proben das Märchenmusical „Die 12 Schwäne“

Es gibt Märchen, die tun weh. „Die wilden Schwäne“ von Hans Christian Andersen zum Beispiel: Wenn die Schwester mit bloßen Händen für ihre vom Fluch getroffenen Brüder Hemdchen aus Brennnesseln anfertigen muss, dann geht einem das als Kind unter Umständen ziemlich nahe. Komischer Weise mehr als der Feuertod der Hänsel- und Gretel-Hexe oder der aufgeschnittene Bauch vom Rotkäppchen-Wolf.

Matthias Handschick, seit 2015 Professor für Musikpädagogik und Musikdidaktik an der Hochschule für Musik Saar, rehabilitierte den Märchenklassiker schon vor 15 Jahren mit seinem Musical „Die 12 Schwäne“, das er als Referendar komponierte. Mit Blick auf die Kinder- und Jugendbuchmesse im Herbst holte er es wieder aus der Schublade: als Projekt für Studenten der Schulmusik. Die acht angehenden Musiklehrer erarbeiten das Musical seit dem Sommersemester mit der Klasse 5FL2 des Saarbrücker Ludwigsgymnasiums. Klappt alles, wird es am 28. September im Rahmen der Messe im Saal des evangelischen Gemeindezentrums aufgeführt.

Doch davor müssen Wanja, Leon, Zoe, Maron, Panthea, Firdeus und alle anderen noch kräftig üben – das wurde bei der letzten Probe vor den Ferien im Musiksaal des Gymnasiums deutlich. Es hat halt alles gedauert. Zwei Monate gingen allein dafür drauf, dass die 26 Schüler die Handlung eigenständig in Spielszenen umsetzten und sich passende Dialoge ausdachten. „Dadurch identifizieren sie sich aber auch ganz anders damit“, betont Handschick. Und weil es „ihr eigenes Märchen mit ihrem eigenen Text“ ist, fällt das Auswendiglernen fast weg. „Nach der ersten Version kamen zwei Kinder und wollten gern noch mehr machen, da haben wir neue Rollen eingebaut“, erzählt Alina Berger, Studentin im 6. Semester. Sie und ihre Kommilitonen genießen diese XXL-Portion Praxis: „Das Projekt gibt uns die Chance, in den Alltag der Kinder reinzukommen. Man lernt sie ganz anders kennen. Das ist der Riesenvorteil.“

Gewöhnungsbedürftig sei für die Schüler nur das „Switchen zwischen den Rollen“ gewesen: „Erst bin ich die Königin, dann die Amme.“ Aber das hat System. „Die Charaktere sind bewusst überzeichnet,“, so Handschick. Beim Spielen lernen die Kinder sich und das Ambivalente ihrer Persönlichkeit kennen: „In jedem steckt ein kleiner Held, aber genauso auch negative Gefühle wie Neid oder Hass.“ In die Moral-Falle tappt das Musical trotzdem nicht. Dafür ist es viel zu unterhaltsam: Es wird gesungen, gerappt und getanzt, begleitet von Studenten an Klavier, Harfe, Bass und Melodika. „Dazu kommt noch ein Kontrabass, der den Groove reinbringt“, ergänzt Harfinistin Michelle Cojocasu (8. Semester). Sie freut sich, wie sich das Stück und mit ihm die Kinder entwickeln. „Lena hat am Anfang keinen Ton getroffen, jetzt klingt alles super.“

Wer will, darf in den Schulferien mittwochs freiwillig proben. „Der Schulleiter schließt extra auf“, lobt Professor Handschick. Überhaupt laufe die Kooperation hier am Ludwigsgymnasium prima. „Die Fachkollegen unterstützten uns. Mich wundert, wie toll die sich zurückhalten können.“ Und wie hat Handschick das mit den Nesselhemden gelöst? Nun, bei ihm werden sie  aus Algen geflochten, die am Strand angespült sind. Nicht ganz geruchsneutral, aber dafür völlig harmlos.