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Den Frühling begrüßt
Der Winter lässt sich nicht wirklich vertreiben

Gespannt verfolgen die Schüler das Geschehen.
Gespannt verfolgen die Schüler das Geschehen. FOTO: Thomas Seeber
Bildstock. Mit der traditionellen Schneemannverbrennung versuchten Schüler, den Winter zu beenden. Vorerst noch vergeblich. Von Anja Kernig

„Gleich verliert er die Hand“, ruft Zweitklässler Joel in heller Aufregung. „Eh, das ist krass“, staunen Daniel und Leon – und mit ihnen schätzungsweise 150 andere Kinder, die sich an diesem sonnigen, aber eiskalten Morgen mit ihren Lehrern, Erziehern und Helfern auf der Wiese am Ortseingang von Bildstock eingefunden haben. Was für ein Spektakel: Erst gab es nur dichten, grauen Qualm. Doch irgendwann brannte der Schneemann lichterloh, Rußfetzen und Asche in die Luft wirbelnd.


Natürlich war es kein echter. In der aus weißen Bettlaken genähten Hülle verbargen sich ein „Rückgrat“ aus Holzlatten und strohtrockene Tannenzweige, die beim Abfackeln für Weihnachtsduft sorgten. „Den Kopf haben wir mit Stroh ausgestopft“, verriet Michelle. Ihre siebte Klasse unter Leitung von Dieter Arnold war für den Bau und Transport des Schneemannes zuständig. „Auf die Idee mit dem Hut sind wir Schüler gekommen“, erklärte Jan, nach der Kopfbedeckung mit der schönen Quaste gefragt. Die verlieh dem Schneemann einen gelehrten Zug.

Pünktlich zum Frühlingsbeginn lädt die Johannes-Schule Jahr für Jahr ihre Nachbarn, die Kita Hoferkopf und die Hoferkopfschule, zur Schneemannverbrennung ein. Gemeinsam gestaltet man auch das Programm. So übernahm der Chor der Grundschule die musikalische Begrüßung mit dem „Jahreszeitenkarussell“. Später erzählte Judith Bockemühl von der Johannes-Schule, dass 600 Kilometer entfernt, in Leipzig, der Winter am Wochenende noch einmal so richtig zugeschlagen hat. Doch der Tier- und Pflanzenwelt sei das egal. Krokusse und Schneeglöckchen legen nur eine kurze Pause unterm Schnee ein, die Knospen warten zu Tausenden an jedem Baum und jedem Strauch, auf dass sie endlich austreiben können. Und wir Menschen? „Wir tragen den Frühling längst schon im Herzen“, so Judith Bockemühl. Deshalb schlug nun auch das letzte Stündchen für den Schneemann. „Du hast ausgedient, dich wollen wir nicht mehr“, wandte sich die Lehrerin an den großen weißen Mann. Wenig später loderten die Flammen.



Wer nun glaubt, dass das deutschlandweit an allen Waldorfschulen gang und gäbe ist, irrt. Wenn überhaupt, dann gibt es das nur im Süden. Handelt es sich doch bei der Winterverbrennung, auch Stabausfest, genannt, um eine Tradition, wie sie unter anderem an der Weinstraße bei Heidelberg gepflegt wird. „Von dort stamme ich her“, verriet Arnold, der das Kollegium schon vor 16 Jahren von seiner Idee begeistern konnte. Seitdem wird der Schneemann alljährlich in Bildstock verbrannt. Im Vorfeld basteln die Schüler zusätzlich „Frühlingsstecken“ mit farbenfrohen Kreppbändern und einem bunten, hartgekochten Ei als Fruchtbarkeitssymbol an der Spitze. Mit Stecken und Schneemann-Feuer soll der Winter endgültig in die Flucht geschlagen werden – auf dass es Frühling werde, dem gern ein schöner, langer Sommer folgen darf, der wiederum im besten Falle von einer ergiebige Erntezeit gekrönt wird.

So richtig geklappt hat es diesmal allerdings nicht: Kaum war der Schneemann verbrannt, setzte ein Schneeschauer ein. Aber den Versuch war es allemal wert.