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Bonsai-Kunst
Der Pflanzenchirurg will Europameister werden

Manuel Flammann aus Friedrichsthal will Europa-Meister in der Bonsai-Kunst werden.
Manuel Flammann aus Friedrichsthal will Europa-Meister in der Bonsai-Kunst werden. FOTO: Patricia Heine
Friedrichsthal. Ein Schönheitschirurg macht Menschen schöner. Der 33-jährige Manuel Flammann aus Friedrichsthal hübscht Pflanzen auf. Mit viel Feingefühl kreiert er die schönsten Bonsai-Pflanzen. Jetzt will er Europameister werden. Von Patricia Heine

Es gibt keine 90-60-90 Maße für eine Pflanze. Es kommt nicht auf Muskelmasse an. Auch nicht auf die Haut. Aber auf den Fuß, die Rinde und das Grün. Das Gesamtbild muss stimmen. Dann ist er ausstellungsreif - der Bonsai. Viele Jahre vergehen, bis er so weit ist. Viele Eingriffe sind nötig - Schönheitschirurgie an Holz, Nadeln und Blättern.


Manuel Flammann aus Friedrichsthal ist Meister darin. Deutscher Meister. Vielleicht bald Europameister? Nächste Woche greift er in Italien auch nach diesem Titel.

Der 33-Jährige öffnet das Tor im blickdichten Gartenzaun und gewährt Eintritt in seine Bonsai-Station. Auf zwei Rängen hat er die rund 40 Pflanzen aufgestellt. Jede hat ihren Platz. Jede ihre eigene Schale. Denn die ist unter Profis fast genauso wichtig wie die Pflanze selbst, erklärt Flammann. Hier, im Garten hinter seinem Haus in Friedrichsthal, genießen seine Bonsais Rundum-Versorgung. Mindestens eine Stunde am Tag kümmert er sich um seine Schützlinge. Gießen, Düngen, Pflegen. Flammann hat sein Herz den Pflanzen geschenkt. Durch seine Adern fließt Chlorophyll. Doch das sieht man dem 33-Jährigen nicht an. Tätowierte Arme, blonder Dreitagebart, Gliederkette um den Hals, auffälliger Ohrschmuck. Ein Baum ist darin eingeprägt. Der einzige Hinweis auf sein Hobby. Viel Zeit und Geld kostet es ihn. Geld, das er früher in Autos investiert hat. Heute steckt er es in Pflanzen. „Viele Leute belächeln das und verstehen gar nicht, was ich da mache“, erzählt der Pflanzendoktor.

Er bringt Pflanzen in Form – nach der Bonsai-Kunst. Einer Kultur, die aus China stammt und nach Japan gelangt ist. Die schönsten werden ausgestellt. Je schöner, je älter, desto mehr wert sind sie. Die günstigsten kosten um die 100 Euro. Flammanns wertvollste Patienten tragen einen hohen vierstelligen Wert. Kein Wunder, dass ihr Schöpfer ab und an mit Bauchschmerzen vor Sorge ins Bett geht. Denn trotz Dünger, Wasser und Pflege kann er sie nicht vor allen Gefahren schützen. In seinem Garten lauern Läuse. Der Tod für die grazilen grünen Geschöpfe. Doch Flammann ist zuversichtlich: „Wenn ich’s richtig mache, werden sie älter als ich.“

Die meisten seiner Bäume sind als Jungpflanzen zu ihm gekommen. Ein befreundeter saarländischer Händler importiert Pflanzen aus Asien. Über Jahre hinweg formt und bearbeitet Flammann die Ursprungsform des Baumes. Er arbeitet Draht in die Äste ein. Gibt ihnen vor, wie sie zu wachsen haben, um das Schönheitsideal zu erreichen. Skalpell, Nadeln und Klemmen hat er in einer Tasche sorgfältig geordnet - nur nicht so steril wie auf dem Tablett im Operationssaal. Eine spezielle Zange sorgt dafür, dass die Wunde am abgeschnittenen Ast schnell zuwächst. Präzision. Feingefühl. „Du musst merken, wann es für einen Ast zu viel wird“, sagt Flammann. Der gelernte Werkzeugmacher hat es raus. Kreativität ist dabei wichtiger als botanisches Wissen, sagt er. Bevor die Operation Bonsai startet, entwirft er eine Skizze, wie der Baum nachher aussehen soll. In den vergangenen Wochen und Monaten hat Flammann geübt, bis die Hand krampfte. Vorbereitung für die Europameisterschaft in Italien. Dafür hat er sich hohe Ziele gesteckt. „Ich denke, dass ich in der vorderen Hälfte mitwirken kann“, sagt er.



Sein erster internationaler Wettbewerb. Was erwartet ihn? Jeder der 14 Teilnehmer bekommt einen Wachholder zugelost. In vier Stunden gilt es, eine kunstvolle Bonsai-Schönheit daraus zu kreieren. Noch ist Flammann gelassen vor dieser Aufgabe. Das war nicht immer so. „Oft hat mir bei Wettbewerben die ganze Hand gezittert, wenn ich die Pflanze bearbeitet habe“, sagt er.

Die Liebe zum Bonsai hat ihren Ursprung im Baumarkt. Dort kaufte Flammann 2012 sein erstes Bäumchen, um „dran rumzuprobieren“, wie er sagt. Er fing an, Bücher über die asiatische Pflanzenkunst zu lesen. Informierte sich beim Verein Bonsai Freunde Saar und lernte darüber seinen Lehrer kennen. Der war am Anfang nicht gerade begeistert von Flammans Arbeit. Erst nach mehreren Anläufen konnte sich das Ergebnis sehen lassen. Sechs Jahre später könnte Flammann also Europas bester Pflanzendoktor werden. Wenn am Ende die Maße und Proportionen stimmen. Seine chirurgischen Handgriffe sitzen.

Das Werkzeug, mit dem der Pflanzen-Schönheitschirurg ans Werk geht.
Das Werkzeug, mit dem der Pflanzen-Schönheitschirurg ans Werk geht. FOTO: Patricia Heine