Das Ende der Grühlingseiche

Friedrichsthal/Altenwald. "Mein Freund, der Baum, ist tot, er starb im frühen Morgenrot." So beginnt ein Lied der Sängerin Alexandra. Gestern bekam es für die 71-jährige Marlies Krämer aus Altenwald eine neue Bedeutung. Es war aber nicht im "frühen Morgenrot", es war gegen 9.30 Uhr, als das Sterben der Grühlingseiche begann, und das Wetter war eher trübe

Friedrichsthal/Altenwald. "Mein Freund, der Baum, ist tot, er starb im frühen Morgenrot." So beginnt ein Lied der Sängerin Alexandra. Gestern bekam es für die 71-jährige Marlies Krämer aus Altenwald eine neue Bedeutung. Es war aber nicht im "frühen Morgenrot", es war gegen 9.30 Uhr, als das Sterben der Grühlingseiche begann, und das Wetter war eher trübe. Es schien so, als wolle die Sonne das traurige Schauspiel nicht mit ansehen. Sie versteckte sich hinter einer dicken Wolkendecke. Um acht Uhr rückten die Männer vom Saarforst-Landesbetrieb an, um das Naturdenkmal zu fällen. Dass sie dort die Naturschützerin Marlies Krämer am Baum angekettet vorfanden, war für sie keine Überraschung. Krämer hatte ihre Protestaktion angekündigt. Da saß die 71-Jährige auf einem Campingstuhl unter dem 25 Meter hohen Naturdenkmal. Zwei dicke Ketten umschlangen ihren Körper und den Baum. "So einfach werde ich diesen Platz nicht räumen", erklärte sie trotzig. "Dass der Baum gefällt werden soll, ist ein Verbrechen an der Natur", schimpfte sie. Mit Tränen in der Stimme fügte sie an: "Ich bin unendlich traurig. Ich könnte nur noch heulen." Und passend dazu setzte Nieselregen ein - der Himmel weinte leise mit. Zahlreiche Schaulustige hatten sich zwischenzeitlich eingefunden. Sie sahen, wie der Friedrichsthaler Bürgermeister Rolf Schultheis (der Baum steht auf Friedrichsthaler Bann) und Werner Pietsch, der Chef der Polizei-Inspektion Sulzbach, Krämer zu überreden versuchten, den Platz freiwillig zu räumen. Doch alles Zureden half nichts. Der Friedrichsthaler Verwaltungschef sprach einen Platzverweis aus. Thomas Samsel vom Ordnungsamt rückte mit einem Bolzenschneider an und durchtrennte die beiden Ketten. Marlies Krämer gab auf. "Ich gehe freiwillig. Ich bin schließlich gegen Gewalt", sagte sie noch und ging. "Ich muss hier weg. Diese Trauerspiel kann ich nicht mit ansehen." Nun konnte Forstwirt Egbert Schug vom Saarforst mit seiner schwierigen Arbeit beginnen. An zwei Seilen kletterte er die Grühlingseiche hoch. Mit der Motorsäge kappte er nach und nach die Krone. An einem Kran schwebten die Äste zu Boden. Unten wurden sie dann von Schugs Kollegen zerkleinert. Um 15 Uhr war das Schauspiel beendet. Jetzt ist nur noch ein knapp zwei Meter hoher Stumpf von dem einstigen Naturdenkmal zu sehen.