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Hilfe für Neuankömmlinge: Damit Flüchtlinge Demokratie lernen

Hilfe für Neuankömmlinge : Damit Flüchtlinge Demokratie lernen

Eigens für Neuankömmlinge startete jetzt ein Projekt. Konkrete Hilfe brauchen die Menschen aber auch im Alltag.

Demokratie ist nicht wie Marmelade – man kann sie weder konservieren noch nach Bedarf portionsweise verbrauchen. Nein, man muss Demokratie täglich neu kochen. Diese hübsche Metapher stammt von Saul D. Alinsky, Begründer des Community Organizing (Gemeinwesenarbeit) vor 80 Jahren in Chicago. Was aber hat das mit politischer Teilhabe von geflüchteten Menschen zu tun, für die sich die Caritas und ihre Partner in Friedrichsthal gerade starkmachen? Viel, denn die derzeit mehr als 200 Flüchtlinge in der Stadt, fast ausschließlich Syrer, wissen weder, dass sie überhaupt „kochen“ dürfen, um im Bild zu bleiben, noch, wie das anzustellen ist.

Das soll sich ändern, befanden Caritas, Stadt Friedrichsthal, der Arbeitskreis familienfreundliches Friedrichsthal und der Regionalverband und holten den amerikanischen Pfarrer Paul Cromwell sowie den Bautzener Projektleiter Marcus Rößner mit ins Boot. Begleitet von den beiden Fachleuten vom Forum Community Organizing (CO) wurde der Prozess in Friedrichsthal gestartet. Dabei informierte das Duo im Rechtsschutzsaal 20 Flüchtlinge über die Möglichkeiten und Methodik. Ziel von CO sei es, viele Menschen zusammenzubringen, damit sie „handlungsmächtig“ werden. Realisiert wird das mit einem wiederholten Zyklus von drei Schritten: Zuhören, Recherchieren und Handeln.

Im besten Falle werden aus diesen 20 Frauen und Männern sogenannte Organizer, die mit anderen Flüchtlingen „Eins-zu-Eins-Gespräche“ führen, um ihre Wertvorstellungen, Träume und Probleme kennenzulernen, so Rößner.

Dass diese sich nur marginal von denen der hier gebürtigen Menschen unterscheiden, zeigte eine Befragung der Teilnehmer: eine Wohnung finden und Arbeit, aber auch Kontakt zu den Menschen vor Ort. Den Führerschein machen, Betreuung für die Kinder und Ausbildungsplätze bekommen – an diesen und ähnlichen Dingen hapere es hier in ihrem neuen Leben fern der Heimat.

Bis Dezember sollen laut Gastgeber Werner Hubertus, Mitarbeiter der Caritas-Gemeinwesenarbeit Friedrichsthal, diese Wünsche gesammelt werden. Dann will man über die Prioritäten abstimmen und sich zunächst der zwei, drei wichtigsten in Arbeitsgruppen annehmen. So sehr er diesen Beteiligungs-Prozess generell begrüßt, so viel Bauchweh bereitet er teilweise Bürgermeister Rolf Schultheis: „Wir sollten ehrlich miteinander umgehen und bei manchen Punkten gleich sagen: Das geht nicht. Wir haben noch keine Lösung, nur weil wir darüber geredet haben“, betonte er bei der Vorstellung des Projektes, zu dem jeder interessierte Bürger eingeladen war. Bestes Beispiel seien die mangelnden Kita-Plätze. An dem Thema arbeite sich die Verwaltung seit langem ab mit eher mäßigem Erfolg. „Es hat allein ein Dreivierteljahr gedauert, ehe wir beim Minister klar machen konnten, dass wir einen Sonderkredit benötigen.“

Zudem befürchtet Schultheis, eine Neiddebatte loszutreten, wenn man einer Bevölkerungsgruppe, in dem Fall den Flüchtlingen, Dinge zugesteht, die andere auch gern hätten. „Deutschland ist kompliziert“, sagte der Bürgermeister. Weit weniger Bedenken quälen Hubertus. „CO ist ein offener Prozess, bei dem es darum geht, eigene Interessen zu formulieren, in Austausch zu kommen und Strategien zur Problemlösung zu entwickeln.“ Konkret bedeutet das: „Wir wollen den Flüchtlingen Selbstvertrauen geben, ihnen vermitteln: Ihr dürft in Deutschland sagen, was euch auf den Nägeln brennt.“ Sein Plädoyer lautete: „Lasst uns miteinander reden.“