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Fontanes „horrible Langeweile“ in Saarbrücken

200. Geburtstags des Dichters : Fontanes „horrible Langeweile“ in Saarbrücken

Im Mai 1871 weilte Theodor Fontane in Saarbrücken – und zeigte sich wenig begeistert. Anlässlich des 200. Geburtstags von Fontane am kommenden Montag, 30. Dezember, hat unser Autor in Fontanes Aufzeichnungen über den Deutsch-Französischen Krieg gestörbert und zutage gefördert, wie er seinerzeit die Stadt an der Saar erlebte.

Mit einem von zahlreichen Veranstaltungen und Publikationen begleiteten „Fontane-Jahr“ wird bereits seit März an Theodor Fontane erinnert, der vor 200 Jahren, am 30. Dezember 1819, im brandenburgischen Neuruppin geboren wurde. Da sein Vater Apotheker war, sollte er ebenfalls diesen Beruf ausüben – doch es kam anders. Während der junge Fontane als Apothekergehilfe in verschiedenen Städten tätig war, fand er Gefallen am Literaturbetrieb und entschied sich 1849, mittlerweile als „Apotheker erster Klasse“ zugelassen, künftig als freier Schriftsteller zu leben. Was sich als Glücksfall für die deutsche Literatur erweisen sollte, war damals für Theodor Fontane ein großes finanzielles und existenzielles Risiko. So erklärt sich, warum er nicht „nur“ als Schriftsteller in Erscheinung trat, sondern zudem als Journalist, Presseagent und Redakteur, Theaterkritiker, Reiseberichterstatter sowie als Verfasser von Büchern über die Deutschen Einigungskriege – ein Umstand, der ihn 1871 auch an die Saar führte.

Von seinem Verleger im Sommer 1870 darum gebeten, ein Buch über den soeben ausgebrochenen Deutsch-Französischen Krieg zu schreiben, machte sich Theodor Fontane Ende September auf, um die im Elsass und in Lothringen gelegenen Schlachtfelder des mittlerweile in Richtung Paris vorgetragenen Konflikts zu besuchen. Nach Spichern und Saarbrücken kam er jedoch wider Erwarten nicht, da er bei einem Abstecher nach Domrémy, dem Geburtsort Jeanne d’Arcs, in Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er erst Ende November entlassen wurde. Diese unvorhergesehene Unterbrechung seiner Reise veranlasste ihn am 9. April 1871 – Ostersonntag – von Berlin aus erneut zu den bis dahin noch nicht besuchten Schlachtfeldern aufzubrechen.

Die Eindrücke dieser rund fünf Wochen dauernden Reise erschienen im Jahr darauf unter dem Titel „Aus den Tagen der Occupation“. Darin setzte Theodor Fontane Saarbrücken ein immer wieder zitiertes, wenngleich nicht sehr schmeichelhaftes literarisches Denkmal. Um es vorwegzunehmen: Der Aufenthalt muss für ihn derart unergiebig gewesen sein, dass er dem Text des Kapitels „Saarbrücken“ Heinrich Heines Worte „Ach Gott, wie einem die Tage Langweilig hier vergehn.“ voranstellte. Dabei war die geschäftige Doppelstadt Saarbrücken-St. Johann des Jahres 1871 keineswegs mit der heutigen vergleichbar, hatte sie infolge der Besetzung durch französische Revolutionstruppen, den damit verbundenen Plünderungen und Zerstörungen sowie der ruinösen Napoleonischen Kriege viel von ihrem vormaligen Glanz eingebüßt. In den Jahrzehnten danach hatte man das Augenmerk dann mehr auf eine prosperierende wirtschaftliche Entwicklung gelegt als auf städtebauliche, finanziell noch nicht zu leistende Verschönerungen. Davon jedoch wusste Fontane, der sich ansonsten – wie bei seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ – eingehend über die von ihm besuchten und beschriebenen Orte informierte, scheinbar nichts. Sich eingehender über das Land an der Saar zu informieren, war allerdings auch nicht seine Absicht, denn sein Hauptaugenmerk galt den Kampfhandlungen, die Anfang August 1870 bei Saarbrücken begonnen und am 6. August in der „Schlacht von Spichern“ ihren blutigen Höhepunkt gefunden hatten.

 Der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane
Der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane Foto: dpa/-

Hier eingetroffen war Theodor Fontane am 9. Mai von Metz her mit dem Zug und hatte in der Wilhelm-Heinrich-Straße ein Unterkommen im „Gasthause zur Post“ gefunden. Von dort brach er gleich auf, um vom Exerzierplatz aus „nach Spichern hinüberzusehen und mir das Bild der vielgenannten Höhe … einzuprägen“. Er begnügte sich damit, „mit Hülfe einiger Linien den ganzen Aufbau des Terrains festzuhalten und kehrte dann in die Stadt zurück“, die er folgendermaßen beschrieb: „Diese, trotzdem sie eine Doppelstadt ist (St. Johann und Saarbrücken), hat etwas Oedes und Tristes. Es mochte ihr freilich zu Ungunsten gereichen, daß ich von Metz kam, das, vor hundert anderen Städten, etwas ausgesprochen Königliches hat. Und gerade das ist das Letzte, was man von Saarbrücken wird behaupten wollen. Es hat einen „Schlossplatz“, aber welchen! Nicht viel besser sind die Straßen. Die ganze bauliche Anlage, in Nüchternheit und lebloser Breite an unser märkisches Neu-Ruppin erinnernd, gehört jener Epoche von 1790 bis 1815 an, wo die Baukunst auf ihrer allerniedrigsten Stufe stand, wo die Sinne todt und die Beutel leer waren. Es fehlt das Pittoreske der alten und die gefällige Eleganz der neuen Städte. Wie sich in dem Dreieck Aachen, Trier, Metz dergleichen aufbauen konnte, bleibt fast ein Räthsel. Das Beste sind die Brücken und das Bahnhofsgebäude…“.

Des Weiteren schilderte er, wie er sich im Hotel auf das Bett warf, „um ein wenig zu meditieren“ und ihm hierbei der augenfällige Unterschied zwischen Deutschland und dem benachbarten Lothringen auffiel. Beim anschließenden Mittagessen („Suppe, Gemüse, Braten, ein stummer Nachbar links, ein stummer Nachbar rechts“) verspürte er „horrible Langeweile!“ und beendete kurzerhand seinen wenig inspirierenden Besuch. „Um die vierte Stunde war ich am Bahnhof. Nach Bitsch! Ich hatte den besten Theil eines ganzen Tages in Saarbrücken zugebracht. Offenbar zu lange. Zwei Freunde nahmen von einander Abschied. Der eine, ein Gutsbesitzer oder Weinbauer, rief noch aus dem Wagenfenster: Wenn ich 2 Stund‘ in Saarbrücken g’west bin, mach‘ ich, daß ich ‚naus komm‘.“ Das waren die Worte eines Weisen. C’est évident.“

Wer die nach wie vor fesselnden Werke des 1898 in Berlin verstorbenen Theodor Fontanes liest, lernt durchaus einen anderen Autoren kennen als jenen launischen Reisenden, der an einem Maitag des Jahres 1871 Saarbrücken einen Kurzbesuch abstattete und entsprechend ungnädig, wenngleich in der für ihn typischen Weise beschrieb. Die von ihm wenig schmeichelhaft geschilderte „Doppelstadt“ hat sich dafür übrigens auf ihre Weise ebenso dezent wie stolz revanchiert: Bis heute trägt keine Straße der saarländischen Landeshauptstadt den Namen des nun im „Fontane-Jahr“ landauf, landab geehrten Ausnahmeschriftstellers.