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Experimentalphysikerin Karin Jacobs engagiert sich bei Scientist for Future

Interview Prof. Karin Jacobs : „Die Wissenschaft hätte lauter sein müssen“

Karin Jacobs lehrt Experimentalphysik an der Universität des Saarlandes und engagiert sich mit „Scientists for Future“ für Klimaschutz.

Nach ihrer Doktorarbeit hätte die gebürtige Baden-Württembergerin auch nach Cambridge gehen können – stattdessen folgte Karin Jacobs 2002 dem Ruf der Universität des Saarlandes. Aktuell forscht sie zu den Hafteigenschaften von Bakterien auf Oberflächen, setzt sich aber gleichzeitig mit den Scientists for Future (SFF) Saar (siehe Infobox) für mehr Klimaschutz ein. Wir haben Sie befragt zu Wissenschaft in Zeiten von Corona und Aktivismus.

Professorin Jacobs, was hat Sie dazu gebracht, sich bei Scientists for Future zu engagieren?

Professorin Karin Jacobs: Viele Entscheidungen der Politik und der Wirtschaft zum Thema Klimaschutz stehen meinem wissenschaftlichen Verständnis entgegen. Wissenschaftliche Ergebnisse sollten in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Als Ergänzung der Fridays-for-Future-Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler wollte ich ihnen  gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen von der Universität und der HTW den Rücken stärken und auch gemeinsam Flagge zeigen gegen jene, die den Klimawandel anzweifeln.

Manche Politiker sagen, dass sich die Wissenschaft aus politischen Entscheidungsprozessen heraushalten soll. Wissenschaftler, so heißt es, sollen keine Aktivisten sein. Sehen Sie darin einen Widerspruch?

Jacobs: Nun, ich vertrete aktiv die Seite der Wissenschaft. Wenn Sie das als Aktivismus bezeichnen wollen, dann bin ich wohl Aktivistin. Ich könnte auch nur in meinem Fachgebiet publizieren. Das interessiert dann die Fachleute, und Jahrzehnte später gibt es vielleicht eine antibakterielle Oberfläche, die auf unseren Erkenntnissen fußt. Wenn ich aber doch in der Lage bin, Erkenntnisse auch in anderen Bereichen zu verstehen und verständlich aufzubereiten, den Menschen die wissenschaftliche Arbeitsweise zu erklären – dann ist das für mich mein gesellschaftlicher Auftrag, schon fast eine Verpflichtung. Natürlich ist meine Hauptaufgabe, Studierende auszubilden und den Erkenntnisgewinn zu vermehren, aber im nächsten Schritt muss man dies auch in die Gesellschaft tragen. Auch, damit Politiker eine bessere Politik machen. Ich sehe da keinen Widerspruch. Wissenschaftler vertreten keine Meinung, sondern evidenzbasierte Resultate. Die Interpretation dieser Daten kann kontrovers sein, aber an den Daten selbst ändert sich nichts.

Sind die Auswirkungen der Klimakrise von der Wissenschaft in der Vergangenheit zu zaghaft kommuniziert worden?

Jacobs: Gute Frage. Ich interessiere mich bereits seit Schulzeiten für Ressourcenschonung und Naturschutz. Für mich war das Thema immer präsent. Dass bei der Nutzung fossiler Brennstoffe CO2 freigesetzt wird, das vorher in flüssiger Form, beispielsweise als Rohöl, gebunden war, wusste man damals schon. Man kannte auch die Auswirkungen. Die Politik hat da viel zu spät reagiert – Bewegung kam in die Sache erst, als die Schülerinnen und Schüler auf die Straße gingen. Daher: Ja, die Wissenschaft hätte lauter sein können und müssen!

Wobei Unternehmen wie Exxon jahrzehntelang viel Geld dafür ausgegeben haben, um die Gefahr herunter zu spielen und Wissenschaftler zu diskreditieren.

Jacobs: Daran sieht man gut, wie Politik funktioniert: Das ist immer ein Abwägen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sowie den spezifischen Eigeninteressen der Politiker. Je nachdem, wer lauter ist, geht es in die eine oder andere Richtung. Firmen wollen natürlich immer Gewinne maximieren. Klar versuchen die zu bewahren, was sie haben und so lange zu verkaufen, wie es geht. Die deutsche Autoindustrie wusste schon lange, dass Verbrenner keine Zukunft haben. Aber es gab keinen öffentliches Bekenntnis dazu, so dass offen nach tragfähigen Alternativen gesucht werden konnte. Kein Hersteller in Deutschland traute sich, vorzupreschen und auf ein Pferd zu setzen. Elektroantrieb, Wasserstoff, Brennstoffzellen – fast alle haben etwas ausprobiert, Konzeptstudien entworfen, Kleinserien aufgestellt, trotzdem gab es keine Tests auf breiter Basis. Deshalb haben wir heute diese Situation. Die Politik hätte schon viel früher einen Rahmen setzen müssen, der die Autoindustrie gezwungen hätte, sich wieder etwas zu trauen. Das werfe ich der Politik vor: dass sie aus den Augen verloren hat, was langfristig gut ist. Natürlich jammert die Wirtschaft immer, wenn ihnen Vorgaben gemacht werden, aber am Ende findet sie einen neuen Weg. Mit progressiver Politik ist auch unsere Industrie progressiv und dann sind unsere Waren auch weiterhin auf dem Weltmarkt gefragt.

Beispiel?

Jacobs: Das Saarland hat deutschlandweit mit den höchsten CO2-Ausstoß pro Kopf wegen der Stahlindustrie. Als dies in einer öffentlichen Vortragsreihe im Herbst 2019 in Saarbrücken erwähnt wurde, hieß es aus dem Publikum: „Wie sollen wir das denn ändern?“ Jetzt, ein Jahr später, gibt es das Aktionspaket „Neue Wasserstoffstrategie“ der Bundesregierung und Teile der Stahlproduktion sollen nun umgestellt werden. Wieso? Weil es sich, wenn die CO2-Steuer stufenweise steigt, einerseits marktwirtschaftlich lohnt und es andererseits zunehmend Abnehmer für „grüner“ erzeugte Produkte gibt. Stahl ist ein schwieriges Feld, weil die Herstellung energieintensiv ist und die Menge von rein solar erzeugtem Wasserstoff in Deutschland verschwindend gering ist. Aber der Weg ist richtig. Wichtig ist also, dass die Politik solche Rahmenbedingungen vorgibt, auf die Unternehmen dann marktwirtschaftlich reagieren können.

Corona zeigte: Manche Menschen vertrauen der Wissenschaft nicht mehr, glauben lieber das, was sie in Youtube-Videos hören.

Jacobs: Ich bin froh, dass die große Mehrheit die Corona-Maßnahmen in Deutschland richtig findet. Dennoch: Die Entwicklung halte ich für sehr gefährlich und nicht zu unterschätzen. Man sieht ja in anderen Ländern, welche Maßnahmen wirken und welche nicht. Neue politische Entscheidungen von diesen Resultaten abhängig zu machen: Das ist evidenzbasierte Wissenschaft. Leute, die sich im Internet schlau machen, müssen vorsichtig sein. Richtige Recherche will gelernt sein. Wenn ich in wissenschaftlichen Datenbanken suche, wird mir nicht wie bei Youtube als nächstes ein ähnliches Video angezeigt. Auf Internet-Platformen sind Algorithmen am Werk, die die Leute immer mehr reinziehen. Was sie „Recherche“ nennen, ist eigentlich ein immer tieferes Tauchen in der Filterblase. Ich rate dann, einfach mal alle Cookies zu löschen, auch keine weiteren zuzulassen, und die Suche zu wiederholen. Dann ergibt sich plötzlich ein ganz anderes Bild. Meine Erfahrung ist zudem, dass viele Leute mit der Art, wie wissenschaftlich gearbeitet und diskutiert wird, nicht zurechtkommen, auch manche Politiker nicht. Sie erwarten harte Aussagen von der Wissenschaft, aber manchmal ist sie noch nicht so weit. Ich kann ja an einem kranken Menschen nicht einfach experimentieren wie an einem neuen Material! Aber Versuche im Reagenzglas oder an Mäusen sind auch nicht einfach übertragbar auf den Menschen. So muss man sich langsam herantasten: Man muss eine Hypothese aufstellen, also eine wissenschaftliche Aussage, zum Beispiel zur Wirksamkeit eines Medikaments, und diese dann in verscheidenen Bereichen testen. Wenn viele Labore zu denselben Ergebnissen kommen, verfestigt sich diese These, und dann kann man davon ausgehen, dass das Medikament wirkt.

Wegen Corona konnten lange keine Klimastreiks stattfinden. Manche behaupten schon, Fridays for Future sei eine Art Lifestyle-Trend, der sich nun totgelaufen habe.

Jacobs: Überhaupt nicht! Eher ein „Life-Threatening-Trend“ („Lebensbedrohungs-Trend“, Anm. d. Red.). Halb Kalifornien brennt. Hier herrscht wiederholt Dürre. Wegen Corona wurden die Aktivitäten kurz gestoppt, aber es wird weitergehen, davon bin ich überzeugt. Ich fürchte, die Politik hat bei der jungen Generation überhaupt keine Chance ohne klimapolitisch richtige Entscheidungen. Die werden etwas tun müssen.

Corona hat ja auch gezeigt, was alles plötzlich möglich ist.

Jacobs: Ja, und auch die Auswirkungen der Maßnahmen sind interessant. Zum Beispiel wurde vorher von manchen bezweifelt, dass der Verkehr Einfluss auf die Feinstaubbelastung hat. Dann ist der Verkehr eingebrochen und plötzlich haben wir wunderbare Daten, die genau das beweisen.

Sind Sie am Freitag beim nächsten Klimastreik in Saarbrücken dabei?

Jacobs: Ja, auf jeden Fall!