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Evita im Staatstheater Saarbrücken: Musical-Premiere sorgt für Standing Ovations

Standing Ovations für die Darsteller : Musical Evita im Staatstheater – so begeistert die Premiere das Publikum

Gänsehaut-Theater ist diese „Evita“ an der Saarbrücker Bühne. Darum hält es das Publikum beim Schlussapplaus auch nicht mehr auf den Sitzen. Trotzdem, ein bisschen kämpfen muss Evita schon, bis der Funke richtig zündet.

Der Chef des Hauses spricht aus, was alle denken: „endlich wieder ein fast voll besetztes Staatstheater“. Intendant Bodo Busse sagt’s merklich angefasst, als er nach der „Evita“-Premiere am Samstag weit nach 22 Uhr die Akteure mit Rosen bedenkt. Ohne Frage, der Wow-Effekt dieses Musical-Abends alleine hätte sicher schon gereicht, dass Busse dieses Mal die besonders langstieligen, ergo kostspieligen Rosen verteilt.

Aber ja: Es ist auch mehr als das. Nachdem die Saarbrücker Bühne über Monate fürs Publikum total dicht war, danach immer nur wenige reindurften, brummt und summt es jetzt wieder auf den Gängen des Großen Hauses. Beim Pausenschwätzchen weiß man plötzlich wieder, mit wem man plaudert, weil die Masken weg sind. Selbst der Stau im Parkhaus suggeriert wohliges Wiefrüher. Schön!

Und dann auch noch: „Evita“. Besser hätte man es nicht planen können. Dieses von Andrew Lloyd Webber mit viel Pop-Aroma und einem Klassik-Hauch souverän eingezuckerte Herzschmerz-Musical samt seiner kräftigen Prise Weltgeschichte: Große Gefühle, große Story, Triumph – aber auch Tragödie. Musik für besondere Momente eben.

 Junges Mädchen träumt von der großen Stadt: Eva (Bettina Mönch) hat den Koffer schon gepackt – für Buenos Aires. Augustin (Max Dollinger) ist der erste von vielen Männern, der ihr dabei helfen soll.
Junges Mädchen träumt von der großen Stadt: Eva (Bettina Mönch) hat den Koffer schon gepackt – für Buenos Aires. Augustin (Max Dollinger) ist der erste von vielen Männern, der ihr dabei helfen soll. Foto: SST/Martin Kaufhold

Wobei man staunt, so bei der Wiederbegegnung mit „Evita“, wie vielschichtig Texter Tim Rice vor über vier Jahrzehnten doch gedichtet hat. Wie facettenreich er das tragisch kurze Leben der Eva (Evita) Duarte Péron (1919-1952) skizzierte, den Kometenaufstieg vom scheinbar unbedarften Mädel aus der argentinischen Provinz zur Präsidentengattin, präziser, zur eigentlichen Herrin des Landes, der Presedenta.

Kaum etwas bleibt da außen vor. Weder, dass Eva im kreuzkatholischen Argentinien quasi jeden Mann, der ihr beim Weg nach oben dienlich scheint, ins Bett lockt (und nach Zweckerfüllung) wieder rauskickt. Noch, dass Eva, die sich gern als Vorkämpferin des Volkes inszenierte, zwar tatsächlich wohl vielen half, nicht zuletzt aber auch sich selbst, indem sie etliche der Spendengelder für ihren Luxus abzweigte. Eine Heilige mit Hang zu Dior und Tiffany eben.

Für Saarbrücken wurde jetzt eine Produktion rundum aufgefrischt, die in der Bonner Oper vor fünf Jahren schon prächtig lief. Die Stars von dort sind es hier zum Glück auch: Bettina Mönch sang bereits am Rhein den Titelpart und David Jakobs den Che, einen wahren Mann des Volkes und Revolutionär in spe; Tim Rice wollte, heißt es, in den 70ern das US-Publikum schocken, in dem er diese Figur an Che Guevara anlehnte.

Che agiert als Widerpart zu den schnell von der Macht korrumpierten Pérons. Und David Jakobs federt, die Faust gereckt, über die Bühne, als sei ständig Klassenkampf. Mit der Energie eines ganzen Rotfrontkämpfer-Trupps und mit Feuer in der Stimme stürmt er treppauf, treppab – so geht Musical!

  Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe: Che (großartig: David Jakobs) am Sarg von Evita.
Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe: Che (großartig: David Jakobs) am Sarg von Evita. Foto: SST/Martin Kaufhold

Nur gut, dass Bettina Mönch ebenso viel Präsenz aktiviert, auf volle Power bei Evas Weg nach oben schaltet, dann aber auch so viel Verletzlichkeit in die Stimme legen kann, sie zart und brüchig werden lässt, wenn Evitas Krebstod naht. So sind es gleich zwei leuchtende Sängerdarsteller, die die Produktion wesentlich bestimmen.

Doch auch Pérons Geliebte wird dank Nina Links zur echten Frau, bleibt keine hohle Bühnenfigur. Und Augustin Magaldi, den Eva als Sprungbrett nach Buenos Aires nutzt, hat in dem so wohltönenden wie charmestrotzenden Max Dollinger die ideale Besetzung.

Stefan Röttig, eigentlich im Saarbrücker Opernensemble zuhause, aber auch im Musical gern gesehen, übernimmt den Part des Juan Péron. Zu Beginn überlässt er Eva doch allzu sehr das Spielfeld, wirkt manchmal hölzern, nur wie ihr Hampelmann, aber über den Abend hinweg balanciert sich das immer besser aus.

Im Graben stimmt es dagegen gleich. Die Staatsorchestermusiker, mit Gitarre und Schlagzeug verstärt, schwelgen unter Nathan Blairs zupackender Führung in Lloyd-Webbers Sound, sind aber auch auf den Punkt da, wenn es rhythmisch und klanglich spröder wird. Nicht alles sind eben so goldene Evergreens wie „Don’t cry for me, Argentina!“, manche Songs des Musical-Moguls alterten hörbar schlechter. Und leider hat man sich in Saarbrücken auch für den deutschen Text entschieden. Das dient zwar der Verständlichkeit, macht es den Sängerinnen und Sängern aber nicht leichter, weil das Deutsche im Vergleich zum Englischen schnell mal ein, zwei Silben Überschuss produziert. Auch wenn Solisten und Opernchor diese Klippe mit Bravour meistern.

Gil Mehmerts Regie nun hat durchaus ihre Vorzüge. Schon das Eingangsbild (Bühne und Kostüme: Beatrice von Bornhard) sitzt, als er dem echten Theaterpublikum das Publikum in einem Kino konfrontativ  gegenüber setzt. Im Lichtspiel erhält es, mitten in der Vorführung, die Nachricht vom Tode Evitas. Und allein dadurch, dass die Kinogäste schwarze Jacken und Mäntel überziehen, wird aus ihnen eine Trauergemeinde. Wenig Aufwand, aber klug inszeniert. Wie auch Evitas Rede auf dem Balkon des Präsidentenpalastes beim Amtsantritt ihres Gatten. All das  sieht man zunächst von hinten, der Blick geht hinter die Kulissen der Macht und entzaubert, weil Juan Perón fast schon gedemütigt in die zweite Reihe rückt, während Evita allen Glanz, alle Zuneigung des Volkes auf sich zieht.

Das sind die starken Szenen. In anderen Momenten jedoch, bei der konventionellen Choreografie etwa,  kann die Produktion eine gewisse Behäbigkeit einfach nicht abschütteln. Dazu wirkt die Riesenbühne auch schon mal kahl. In Zeiten, wo etwa Projektionen zum Standard zählen, (und man ja weiß, was das Saarbrücker Haus sonst fertig bringt), wirkt diese Inszenierung dann doch deutlich altbackener als sie sein müsste. Und: Sie bleibt hinter den großartigen Sängerinnen und Sängern auf der Bühne wie hinter  den Musikern im Graben zurück. All denen aber sei Dank ist diese „Evita“ trotzdem Gänsehaut-Theater.

Weitere Vorstellungen: 15., 17., 24. und 28. Oktober.

www.staatstheater.saarland