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Es war einmal... das Römerkastell
Es war einmal . . . das Römerkastell

 Einer der großartigen Orte war der Koloss, eine oben offene Fabrikhalle, in der sich Hunderte kleiner Windräder drehten. Nachts leuchtete hier alles pink.
Einer der großartigen Orte war der Koloss, eine oben offene Fabrikhalle, in der sich Hunderte kleiner Windräder drehten. Nachts leuchtete hier alles pink. FOTO: Lydia Kaminski
Saarbrücken. Am Mittwoch läuft im Filmhaus Lydia Kaminskis Dokumentation über das heute schon legendäre Gelände an der alten Becolin-Fabrik.

Wenn abends zwischen Industrie-Ruinen und wuchernden Sträuchern die bunten Lichter angingen und der Sound durch Mauerritzen waberte, bekamen junge Leute aus St. Wendel, Saarbrücken  oder sonst woher auf einmal etwas Magisches, Entrücktes. In der Dunkelheit erwachte der besondere Zauber des Römerkastells.


Der Club auf dem Gelände der ehemaligen Becolin-Fabrik, ein Ort, der Kunst aus jeder Pore seiner verwitterten Mauern atmete, war nur ein paar wenige, wundervolle Jahre Heimstatt für Menschen mit Flausen im Kopf. Heute ist hier eine Brache. Die alten Gebäude sind abgerissen. Bagger haben die aus Spanplatten, Videowänden und Paletten gezimmerten Träume niedergewalzt. Hier entsteht jetzt ein Geschäftshaus. Der Kunst folgt, wie so oft, der Kommerz.

Aber der Märchenwald, der magische Ort, der hier für ein paar Jahre wuchern durfte und eine erstaunliche Zahl kreativer Freibeuter anzog, lebt in der Erinnerung weiter. Und in einem Film.



Denn bevor die Bagger kamen, bevor das Team der Akrobaten — so nannte sich die Agentur, die das Römerkastell betrieb — ihre über Jahre gewachsenen Wunder abmontierte, beschloss die Künstlerin Lydia Kaminski, das Römerkastell und die Menschen, die es ausmachten, unsterblich zu machen.

Die  Modedesignerin, studierte Social-Designerin, Videokünstlerin und Malerin stammt aus Merzig, studierte unter anderem in Wien und fand, als sie zu ihrem Lebensgefährten, dem Künstler Philipp Neumann, nach Saarbrücken zog, im Römerkastell den idealen Raum für ihre Interessen. „Ich habe mich schon lange mit dem Verhältnis von Kunst und Stadt auseinandergesetzt“, sagt sie im SZ-Gespräch.  „Kunst, die sich mit gesellschaftlichem und städtischem Wandel befasst“, sind  die Themen ihrer Arbeit.

„Im Römerkastell hatte ich eine Leinwand und habe dort gemalt und habe beobachtet“, erzählt sie. Und als klar war, dass bald Schluss sein würde mit diesem Ort, wollte sie dokumentieren, was da passiert ist. Dafür eroberte sich die Malerin ein damals für sie noch relativ neues Metier, die Filmkunst — stellte ihren ersten Förderantrag, und die Saarland Medien gab einen Zuschuss. Ein Glück sei es, sagt sie, dass diese Förderung existiert. „Hier geben sie einem auch Geld, wenn man keinen Fernsehsender im Rücken hat.“  In den begehrten Zentren wie Berlin, bekomme man diese Chance eher nicht. Dank des Zuschusses kamen  rückwirkend ein paar Kosten wieder rein. Denn wie so viele freie Künstler hatte Kaminski das ganze Römerkastell-Projekt natürlich einfach mal angefangen.

Die 33-Jährige hat legendäre Partys, Performances, Konzerte, Djs und Bands gefilmt und Menschen interviewt, und sie hat vor allem das märchenhaft eingerichtete Gelände mit ihrer Kamera, man könnte sagen: liebkost. „Das Römerkastell war so ruhig. Kein Kommerz, keine Läden.“ Ein Fluchtort, „ein Ort, der noch nicht vom  System verstoffwechselt wurde“, wie das Duo Genetikk im Film sagt. „Ich habe versucht, ihn aus so vielen Seiten wie möglich zu betrachten“, sagt Kaminski.

Entstanden ist ein Film, der jedem, der je da war, die Sehnsucht sofort zurückbringt, dabei Menschen zu Wort kommen lässt, die hier Selbstbegeisterung aber auch Selbstausbeutung erlebt haben — wie Kunsthochschul-Professor Matthias Winzen im Film formuliert.

Lydia Kaminski wird vorerst als freie Künstlerin in Saarbrücken bleiben. Mit dem noch ziemlich frischen Söhnchen Kaspar und mit Philipp Neumann. Mit ihm, dem Installations-Künstler, der just bei der Landeskunstausstellung vertreten war, realisiert sie auch gemeinsame Kunst-Projekte. Zuletzt größere Aufträge für das Festival Perspectives (u.a. „Gassenlichter“, ein Videoprojekt zum 40. Geburtstag des Festivals).

Unsere Stadt hat in ihrer Unzulänglichkeit für sie nämlich einen überraschenden Pluspunkt: „Saarbrücken ist einfach noch nicht so fertig. Wien dagegen ist ultrafertig.“ Das fand sie irgendwann langweilig. Oder wie es einer der Leute im Film formuliert: „Saarbrücken ist schon so ne  Künstlerstadt, eine raw Künstlerstadt. Man hatte nie viel Geld, aber man hat einfach gemacht.“

 Magisch waren die Nächte am Römerkastell - wie hier bei der Eröffnung des Perspectives-Festivals vor drei Jahren.
Magisch waren die Nächte am Römerkastell - wie hier bei der Eröffnung des Perspectives-Festivals vor drei Jahren. FOTO: Foto © Rich Serra - www.rich-ser / Rich Serra
 Alles vorbei: Im Film dokumentiert Lydia Kaminski auch die Zerstörung des Römerkastells, den Abtransport und die Verbrennung.
Alles vorbei: Im Film dokumentiert Lydia Kaminski auch die Zerstörung des Römerkastells, den Abtransport und die Verbrennung. FOTO: Lydia Kaminski