Eltern und Erzieherinnen Alarm: In Saar-Kitas fehlen mehr als 1300 qualifizierte Stellen.

Kostenpflichtiger Inhalt: Personalmangel : Alarm in Saar-Kitas - Fehlen 1350 Erzieherinnen?

Bei Arbeitskammer-Forum in Saarbrücken kritisieren Eltern- und Gewerkschaftsvertreter die Politik der Groko-Regierungen in Bund und Land.

Trotz des „Gute-Kita-Gesetzes“ schlagen im Saarland wegen Personalmangels überlastete Erzieherinnen sowie um die Bildung und das Wohl ihrer Kinder besorgte Eltern Alarm. Bei einem stark besuchten Arbeitskammer-Forum zur Bildungspolitik in der Saarbrücker Congresshalle bemängelte Landeselternausschuss-Sprecherin Julie-Andrée Trésoret am Montagabend eine oft völlig unzureichende Raum- und Personalsituation in vielen der rund 500 Kitas im Land. Sie sprach neben nicht hinreichend erfüllten Bildungs- und Erziehungsaufgaben für die Kinder sogar von „Sicherheitsrisiken“ und mangelnden behördlichen Kontrollen in den Kitas. Vertreter der Saar-Arbeitskammer und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi forderten unter Berufung des von der Bertelsmann-Stiftung empfohlenen Personalschlüssels 1350 zusätzliche Kita-Fachkräfte im Land (520 für Kinder unter drei Jahren, 824 für ältere Kinder bis Schuleintritt).

„Es gibt zwei Punkte, die den Alltag in den saarländischen Kitas belasten: Die vielen Umbau- und Ausbaumaßnahmen aufgrund von Platzmangel und der gravierende Mangel an Fachpersonal, der dazu führt, dass der Bildungs- und Erziehungsauftrag in den Kitas vielmals gar nicht mehr eingehalten werden kann“, kritisierte die Landeselternausschuss-Sprecherin. Schlimmer noch: Wegen Baumaßnahmen hätten Kita-Kindern in diesem Sommer teils Turnhallen und Außengelände gar nicht zur Verfügung gestanden und im Kreis Neunkirchen hätten sie sogar in Behelfsunterkünfte und Kellerräume ausweichen müssen. Zwei Kita-Kinder hätten auf Intensivstationen eingeliefert werden müssen, nachdem zwei Erzieherinnen bei brütender Hitze mit 60 Kindern draußen herumgegangen und überfordert gewesen seien. „Die örtlichen Jugendämter, die wir anrufen, zucken da nur mit den Schultern. Da fühlen wir uns als Eltern alleine gelassen. Und reden bald nur noch von Kinderverwahrung den ganzen Tag“, bemängelte Trésoret unter starkem Applaus der rund 200 anwesenden Erzieherinnen und anderen Eltern. Sie forderte mehr Kontrollen, eine verstärkte Ausbildung von Erzieherinnen sowie finanzielle Anreize für ausgebildete Erzieherinnen, damit diese auch dauerhaft im Saarland blieben.

Der Vorsitzende der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Saar, Bernward Hellmann, sagte, das Gute-Kita-Gesetz des Bundes bringe 65,5 Millionen Euro ins Saarland und eine deutliche finanzielle Entlastung der Kita-Elternbeiträge. Die Liga fordere aber ebenfalls eine Qualitäts-Weiterentwicklung in den Kitas: „Jedes Kind hat das Recht auf gute Erziehung und gute Bildung“. Das sehen auch Kita-Leiterin Susanne Kunz aus Saarbrücken-Scheidt (95 Kinder aus 21 Nationen, viele mit Förderbedarf und 17 Erzieherinnen) sowie Katharina Keller von der Kita Jägersfreude (137 Kinder, 29 Erzieher in Voll- und Teilzeit) so, die von Personalmangel sprechen und kleinere Kindergruppen fordern. „Wir müssen wickeln und pflegen, haben aber vor allem auch einen pädagogischen Auftrag“.

So verwies Elke Alsago vom Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi darauf, dass Erzieherinnen in den Kitas auch die Aufgabe hätten, die Kleinen auf die digitale Welt der Zukunft vorzubereiten und die Eltern in Krisen zu begleiten, wenn diese von Werksschließungen und wirtschaftlichen Standortaufgaben betroffen seien. All dem genügten aber nicht die bisherigen Personalschlüssel. In einer anschließenden Podiumsdiskussion bekam Linken-Politikerin Barbara Spaniol den meisten Beifall des Abends dafür, dass sie erklärte „Beim Gute-Kita-Gesetz ist nur der Name gut“. Demgegenüber verteidigten die Landtagsabgeordneten Frank Wagner (CDU) und Martina Holzner (SPD) sowie Jeanne Dillschneider (Grüne) das Gute-Kita-Gesetz zumindest als „guten Anfang“ oder „Schritt in die richtige Richtung“ zur Besserung der Situation in den Kitas.

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