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Eine Saarländerin erzählt in der SZ über ihr Leben mit Borderline

Serie Psychische Krankheiten – Teil 2: Borderline : Ein Leben geprägt von Selbstzerstörung

Zwei Jahrzehnte Leidensweg und ein Leben, das beinahe vorbei gewesen wäre: eine Saarländerin über ihren Umgang mit Borderline.

Donnerstagnachmittag auf der Station P5 der SHG-Kliniken Sonnenberg: Vanessa Huber (Name von der Redaktion geändert) sitzt an die Wand gelehnt, spricht erst zögerlich, dann doch entschlossener. „Seit ich täglich darüber reden muss, ist es okay“, erklärt sie. Über sich und ihre Erkrankung zu reden, ist für Vanessa Huber Neuland. Seit Beginn des Jahres hat sie die Diagnose Borderline. Erst da hat die Anfang 30-Jährige zum ersten Mal jemandem von ihren Problemen erzählt. Nicht nur einem Arzt, sondern überhaupt. Dabei begann ihr Leidensweg bereits vor fast zwei Jahrzehnten.

Huber schätzt, dass sie zwölf gewesen sein muss, als sie sich zum ersten Mal selbst verletzt hat. Sich Nadeln in Haut und Fleisch gesteckt, die Hände gequetscht, sich selbst gekratzt und geschlagen hat – alles, was für Außenstehende nicht unbedingt nach Selbstverletzung aussah, irgendwie erklärbar gewesen sei, sagt sie. Mit 18 kam dann die Bulimie hinzu, erinnert sie sich. In schlechten Phasen musste alles gleichzeitig passieren: die Selbstverletzungen, das Fressen und das Brechen. Immer wieder. Warum? „Um Spannungen abzubauen – und um mich selbst zu bestrafen“, antwortet Huber prompt. Dafür, nichts wert zu sein. Ein Gedanke, den Huber, wie viele andere Borderline-Patienten, schon früh verinnerlicht hat, der gewachsen ist, zum allumfassenden Leitsatz wurde.

Schon früh musste Vanessa Huber die Verantwortung für ihre kleineren Geschwister übernehmen. Sie habe keinen festen Ansprechpartner in der Familie gehabt, keinen Halt. Auch dann nicht, als sie sexuell missbraucht wurde. Sie erzählte ihren Eltern davon, suchte Hilfe, Schutz. Es passierte: nichts. „Niemand hat sich dafür interessiert, niemand hat etwas getan“, sagt Huber heute.

All’ diese Erfahrungen haben sie geprägt. Auch später, als Erwachsene, sei es ihr schwergefallen, für sich einzustehen, auch zu den banalsten Dingen habe sie sich nicht getraut, ihre Meinung zu sagen. Gleichzeitig habe sie versucht, menschliche Nähe zu sichern, sei in Beziehungen stark eifersüchtig gewesen. „Meine Probleme habe ich für mich behalten“, erzählt Huber, „ich wollte mich selbst schützen, mich nicht angreifbar machen“. Für ihre Verletzungen erfand sie immer wieder Ausreden. „Es hat nie jemand weiter gedacht“, berichtet sie, „ich habe mich verlassen gefühlt, mir gewünscht, dass mal jemand fragt“. „Aber die meisten wollen die Probleme der anderen nicht hören“, ergänzt sie. Statt sich an Freunde oder ihren Partner zu wenden, hat Huber im Internet recherchiert, sich versucht, „Skills“ anzueignen. Also Fähigkeiten, kleine Rituale, die dazu dienen, mit der inneren Anspannung besser umzugehen. Die sind auch in der stationären Therapie der Borderline-Störung ein fester Bestandteil. Zuletzt wurde Hubers Leidensdruck allerdings unkontrollierbar. Panikattacken kamen hinzu. Zeitweise habe sie sich fünf- bis sechsmal am Tag übergeben, sogar daran gedacht, sich mit einer Geflügelschere zu verletzen. Eine Grenze war erreicht. „Ich habe in Richtung Ende gedacht“, gesteht Vanessa Huber. Auch von ihrem langjährigen Partner hat sie sich dann getrennt. „Ich wollte ihm die Last abnehmen“, erklärt sie. Es ist wohl seiner Hartnäckigkeit, seinem Nicht-Lockerlassen geschuldet, dass Huber diesen Tiefpunkt überlebt hat. „Er hat sich nicht mit der Trennung abgefunden“, erinnert sich Huber. Irgendwann sei sie dann mit ihren wahren Beweggründen, der ganzen Wahrheit, herausgeplatzt.

Und fand endlich Hilfe und Unterstützung. „Es ist gut, wenn man jemanden hat, er hat sehr viel aufgefangen“, sagt sie heute. Er war es auch, der sie zum Arzt brachte. Mit der Diagnose Borderline konnte Huber zunächst nichts anfangen, dachte bis dahin, dass all’ ihre Symptome gängig bei einer Depression seien. Zu einer stationären Therapie war sie hingegen direkt bereit. „Ich wollte eine Therapie, weil ich mein Leben zurück will“, betont sie. Der Alltag in der Klinik verlangt ihr jedoch viel ab. „Die Gruppen wühlen einiges auf.“

Auch das Vertrauen, die Bereitschaft zur Bindung, wie es etwa in der Körpertherapie wichtig wird, müssen sie und ihre Mitpatienten erst lernen. Die Angst, die sie zunächst vor dem engen Kontakt mit anderen psychisch Kranken hatte, entpuppte sich allerdings als unbegründet. Man müsse zwar lernen, sich abzugrenzen, im Großen und Ganzen habe ihr der Kontakt zu Leidensgenossen allerdings geholfen. „Mit Leuten zusammen sein, die wissen, wie es einem geht – das macht viel aus“, sagt Huber. So haben sie und ihre Mitpatienten das Ziel, die Gemeinschaft auch nach der stationären Therapie aufrechtzuerhalten. Huber selbst will wieder arbeiten, mit ihrem Freund gemeinsam ein Haus kaufen, sich einen Tag in der Woche nur für sich nehmen. „Einfach mein Leben zurück“, sagt sie.