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Was macht eigentlich? Barbara Gilbert
„Ein Sänger muss singen, die Seele braucht das“

Barbara Gilbert als Violetta in Kurt Josef Schildknechts Inszenierung von Verdis „La Traviata“ 1995 am Saarländischen Staatstheater. 
Barbara Gilbert als Violetta in Kurt Josef Schildknechts Inszenierung von Verdis „La Traviata“ 1995 am Saarländischen Staatstheater.  FOTO: Uwe Merkel
Saarbrücken. Sie war eine der herausragenden Sängerinnen am Staatstheater und ist unvergessen. Barbara Gilbert, Ehefrau des früheren Intendanten Kurt Josef Schildkecht, hat viele große Partien hier gesungen. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Österreich.

Als die Sopranistin Barbara Gilbert im Sommer 2006 die Bühne des Saarländischen Staatstheaters verließ, trat eine Sängerin zurück, die über viele Jahre grundsätzlich die Top-Besetzung des Hauses war, wenn es um die ganz großen Liebenden  ging. Sie wird in Saarbrücken vielen Theaterfans noch in bester Erinnerung sein, auch weil sie die Ehefrau des damaligen Intendanten Kurt Josef Schildknecht ist.


Die Kritik fand für sie Begriffe wie „königlich“ und „würdevoll“. Und auch heute hat sie eine bemerkenswert junge Stimme am Telefon. „Das ist eine Frage der Technik“, sagt sie lachend. Im Gespräch überrascht Gilbert, als sie erzählt, dass sie erst recht spät zur Überzeugung kam, Sängerin zu werden. „Meine Mutter hat zuhause, an der Ostküste der USA, in der Nähe von New York, viel gesungen. Und ich kam im Alter von sieben Jahren in den Kirchenchor, hatte auf der High School erste Gesangsstunden. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, Sängerin zu werden“, sagt sie und lacht.

Daher hat sie ein Geologie-Studium begonnen. Durch ein besonderes Erlebnis im Sommer 1974 mit einem Studentenchor auf einer Konzerttour in Polen begriff sie, was man mit der Musik und durch die Arbeit miteinander erreichen kann. „Wir hatten kaum Möglichkeiten, mit dem Volk zu kommunizieren. Das funktionierte nur über die Musik“.



Später fiel dann die Entscheidung, doch Musik zu studieren. Daher absolvierte sie an der University of Rochester ein Musikstudium und schloss mit einem Meisterdiplom die Eastman School of Music ab. Dort lernte sie auch, wie man auf einer Bühne steht und als Sänger  andere unterstützt. 1983 ging sie an die Indiana Universität, Bloomington, um dort ihr Doktorandenstudium aufzunehmen. Ihre Lehrerin war Margaret
Harshaw.

Über sie sagt Barbara Gilbert: „Ich habe so viel bei ihr
gelernt. Nicht nur mit gesunder Technik zu singen, sondern auch wie man mit der Kraft umgeht, und diese positiv einsetzt“. Aufgrund eines Rotary-Stipendiums wechselt Gilbert 1986 in die Schweiz, schließt am Baseler Opernstudio mit Auszeichnung ihre Studien ab.

„Ich habe eine gute Stimme, aber sie ist etwas schwierig einzuordnen. Sie ist nicht dramatisch, eher lyrisch. Daher habe ich immer sehr viel Verschiedenes gesungen, von der Operette bis Wagner“, erklärt sie. In der Schweiz lernte sie auch Jun Märkl kennen, den damaligen Generalmusikdirektor des Saarländischen Staatstheaters, der ihr ein Vorsingen in Saarbrücken anbot. „Das war nicht ganz leicht, denn ich habe noch abends in der Schweiz „Lucia“ gesungen und am nächsten Morgen dann in Saarbrücken. Ich war müde, und es war nicht wirklich gut“, erinnert sich Barbara Gilbert.

Aber den damaligen Intendanten Kurt Josef Schildknecht hat sie überzeugt. Offenbar nicht nur durch ihre Stimme. 1991 kommt Barbara Gilbert nach Saarbrücken, und 1992 heiratet sie den Intendanten. „Es war uns schon nach dem ersten Abendessen klar. Es war, wie nach Hause kommen“, beschreibt sie diese besondere Begegnung mit ihrem Ehemann.

Gemeinsam arbeiten sie 15 Jahre am Saarländischen Staatstheater. Und für Barbara Gilbert ist es die große Zeit ihres Sängerlebens. „Es waren dreizehn wundervolle Jahre, so wie man es sich nur wünschen kann. Die besondere Atmosphäre im Haus. Und das Publikum, das so aufmerksam war. Ich habe es sehr geliebt“, schwärmt sie.

Das alles ändert sich in den letzten beiden Jahren, als man sich wegen der Etat-Kürzungen im Stich gelassen fühlte. „Aber Vergangenheit ist Vergangenheit, das ist vorbei“, sagt sie ohne Bitterkeit.

Im Jahr 2006 verlässt Barbara Gilbert, die im Saarland zur Kammersängerin ernannt wurde, mit ihrem Ehemann das Theater, arbeitet danach freiberuflich. Sie gibt Konzerte und singt als Gast in München, Wien und Klagenfurt. „Aber dann wurde es langsam Zeit, aufzuhören“, erzählt sie, „denn wenn der Bühnenpartner vom Alter her der eigene Sohn sein könnte, stimmt es nicht mehr so ganz“.

Tatsächlich singt Barbara Gilbert seit dem Jahr 2009 nicht mehr öffentlich. Seither begleitet sie ihren Mann zu dessen Engagements an verschiedenen Theatern,  und sie gibt Studenten Gesangsstunden in ihrem neuen Zuhause in Kärnten, Österreich. Aber wenn sie allein zu Hause ist, dann singt sie auch. „Ein Sänger muss singen, die Seele braucht das. Man hört nie ganz auf“.
www.barbara-gilbert.com

16 Jahre ist es her: 2001 sang Barbara Gilbert Puccinis „Manon Lescaut“ am Staatstheater.
16 Jahre ist es her: 2001 sang Barbara Gilbert Puccinis „Manon Lescaut“ am Staatstheater. FOTO: STAGE PICTURE, Bettina Stöß / Bettina Stöß
Gerade steht die Oper „La  Bohème“ wieder auf dem Spielplan des Staatstheaters. 1993 sang Barbara Gilbert die Mimi.
Gerade steht die Oper „La  Bohème“ wieder auf dem Spielplan des Staatstheaters. 1993 sang Barbara Gilbert die Mimi. FOTO: Uwe Merkel