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Orgel-Leihgabe
Ein großer Tag in der kleinen Stengelkirche

Pfarrer Thomas Mayer (links) von der Alt-Katholischen Kirchengemeinde Saarbrücken und Kantor Ulrich Seibert von der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Saarbrücken unterzeichnen auf dem Orgelpositiv den Leihvertrag. Das Instrument stand zuvor gut fünf Jahrzehnte lang in der Ludwigskirche.
Pfarrer Thomas Mayer (links) von der Alt-Katholischen Kirchengemeinde Saarbrücken und Kantor Ulrich Seibert von der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Saarbrücken unterzeichnen auf dem Orgelpositiv den Leihvertrag. Das Instrument stand zuvor gut fünf Jahrzehnte lang in der Ludwigskirche. FOTO: Thomas Bergholz
Alt-Saarbrücken. Im Gotteshaus der Alt-Katholiken erklingt die transportable Orgel aus der Ludwigskirche. Zusammenarbeit geht weit darüber hinaus.

Mit jedem Schritt durch das Grundrauschen des Alltags zum Ziel in der Wilhelm-Heinrich-Straße wird die Musik lauter. Vor der Friedenskirche, dank Förderprogramm „Barock trifft Moderne“ gerade erst renoviert, ist die Melodie schon deutlich zu hören. Nach ein paar Schritten ins Innere dieses Stengel-Baus fluten schließlich kräftige Orgelklänge den Raum. Aber woher? Die Augen suchen vergeblich die Wände nach Empore, Spieltisch und Pfeifen ab.


Schließlich erfasst der Blick auf dem Boden in der Ecke gegenüber ein weißes Instrument. Dahinter sitzt der Musiker, der ihm die Detailfülle eines Barockstückes entlockt. Da spielt Pfarrer Thomas Mayer (36), der neue Seelsorger der Alt-Katholischen Gemeinde Saarbrücken. Dass er das gut macht, versteht sich nach einer Organisten-Ausbildung, die Mayer auch aufzuweisen hat, fast von selbst.

Bis zum Termin mit seinen Nachbarn vom Ludwigsplatz bleibt ihm noch Zeit, das erstaunliche Instrument zu spielen. Es ist ein Orgelpositiv, eine kleines, in der Kirche leicht umzustellendes Exemplar mit einem Manual. Das gute Stück aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat einen kleinen und dennoch bedeutenden Umzug hinter sich. Er führte von der ebenfalls dank „Barock trifft Moderne“ erneuerten Ludwigskirche in den anderen, kleineren Stengel-Bau, der um die 100 Meter entfernt ist.



An diesem Tag schließen die Evangelische Kirchengemeinde Alt-Saarbrücken und die Alt-Katholiken einen Vertrag ab. Er macht das Orgel-Positiv zu einer kostenlosen Dauerleihgabe der Protestanten an die Alt-Katholiken. Die müssen sich nur um die Wartung kümmern.

 Am Instrument erfreut sich auch Alt-Katholik Alexander Ghobrial, der zur Vertragsunterzeichnung gekommen ist. Er legt Wert darauf, in erster Linie einfaches Kirchenmitglied zu sein. Wichtig sind seine Orgelkünste während der Gottesdienste dennoch. Er begleitet die Gemeinde musikalisch durch die Liturgie. Das macht Ghobrial an dieser Orgel noch mehr Spaß als an dem elektronischen Instrument, das der Gemeinde bislang genügen musste. „Dieses Orgelpositiv ist einfach etwas Echtes. Jeder Organist zieht eine Pfeifenorgel einem rein elektronischen Exemplar vor“, sagt Ghobrial.

Kurz darauf kommen die Nachbarn vom Ludwigsplatz, Pfarrer Thomas Bergholz und Kantor Ulrich Seibert. Bergholz weiß wie sein alt-katholischer Kollege Mayer um den Stellenwert guter Instrumente in der Kirche. „Ich bin ja auch Musiker, und die Feier des Gottesdienstes mit unzulänglichen Mitteln schmälert den Eindruck.“

 Bergholz sieht in der Leihgabe mehr als nur die Verlagerung eines Instruments, für das es in dem großen Gotteshaus keinen zwingenden Bedarf mehr gibt. Denn eines ist dem Pfarrer wichtig: „Das ist kein Abfallprodukt, sondern ein Instrument in einem Top-Zustand.“

Das Orgel-Positiv der Hamburger Firma Rudolf von Beckerath beschallte 18 Jahre lang die Ludwigskirche, bis 1982 die große und inzwischen aufwändig restaurierte Orgel aus demselben Hause fertig war. Seit der jüngsten Restaurierung lässt die Hauptorgel sich auch von unten mit Keyboards spielen.

Bergholz sieht wie sein Kollege Mayer in der Leihgabe eines von vielen Zeichen für das neue, schwungvollere Miteinander der Christen in Alt-Saarbrücken. Seelsorger Mayer verweist auf die Rolle der Alt-Katholiken als „Brückenkirche“ zu anderen Konfessionen hin. Bergholz will mit ihm und den weiteren Seelsorgern des Stadtteils an eine „prima ökumenische Stimmung“ anknüpfen. Die habe es in Alt-Saarbrücken schon einmal gegeben, sei aber war durch Stellenwechsel in allen betroffenen Gemeinden „eingeschlafen“, sagt Bergholz.

Pfarrer Mayer und Kantor Ulrich Seibert unterschreiben schließlich auf dem Orgelgehäuse den Dauerleihvertrag. Danach bleibt dem Seelsorger der Alt-Katholiken noch Zeit für ein Stück von Johann Caspar Simon. Kantor Seibert hört anerkennend zu, wie der Klang die Friedenskirche füllt. „Das ist eine große Orgel für einen großen Raum.“

Spielen kann Seibert sie noch oft. Er und sein Chor bereiten sich in der Friedenskirche auf die Konzerte in der Ludwigskirche vor. Weil er schon mal da ist, hinterlässt Seibert einen Hinweis auf das nächste Konzert im Gotteshaus gegenüber: Der Große Chor der Saar-Uni und die Philharmonie Palatina Con nov’Arco, ein junges professionelles Orchester aus der Grenzregion, führen am Sonntag, 8. Juli, um 18 Uhr Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ auf.

Pfarrer Mayer nimmt das Plakat gern entgegen, das danach im Schaukasten der Alt-Katholiken hängen wird. Auch er nutzt den Termin, um einen Hinweis in eigener Sache loszuwerden. Da Mayer ja die Gottesdienste hält, kann er dann natürlich nicht auch noch Orgel spielen. Und der ehrenamtliche Organist Alexander Ghobrial will mal in der Reihe sitzen und einen Gottesdienst wie jeder andere aus der Gemeinde einfach nur mitfeiern. Mayer: „Deswegen suchen wir noch einen Organisten.“ Einen Könner für die – nur scheinbar – kleine Orgel mit den großen Möglichkeiten.

Kontakt per E-Mail zur Alt-Katholischen Gemeinde unter der Adresse saarbruecken@alt-katholisch.de