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Wie Saarländer das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben

Kostenpflichtiger Inhalt: Erinnerungen an 1944 : Ein Abschied für immer vom Vater

Ferdinand Münnich erlebte eine vom Militär geprägte Kindheit. Er und seine Mutter flohen 1944 aus dem Saarland.

„Ich habe meinen Vater damals zur Straßenbahn gebracht, weil er wohl befürchtet hat, dass meine Mutter beim Abschied zusammenbrechen könnte“, erinnert sich Ferdinand Münnich. Zehn Jahre war er alt, als sein Vater Anfang 1942 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Sein Vater, August Münnich, hat schon geahnt, „dass das nicht gut ausgeht“. Es war das letzte Mal, dass Ferdinand seinen Vater gesehen hat. In jenem Jahr hat er von ihm noch Briefe aus Nancy erhalten. Doch danach wurde der Vater nach Stalingrad versetzt und nach kurzer Zeit vermisst gemeldet. Es blieb die letzte Nachricht, welche die Familie über den Vater erhalten sollte. Die Schlacht von Stalingrad im Winter 1942/43 gilt als verlustreiche Wende des Zweiten Weltkriegs. Auf sowjetischer Seite kamen 500 000 Soldaten um, andere Historiker schätzen sogar eine Million. Auf deutscher fielen 150 000 Mann, erfroren oder verhungerten, über 100 000 kamen in Gefangenschaft, von denen nur rund 6000 zurückkehrten. Ferdinand Münnichs Vater gehörte nicht dazu.

Die Vorahnungen seines Vaters begannen schon während den ersten deutschen Angriffen auf die Sowjetunion. „Auf dem Weg zum Mähen eines Feldes, das wir gepachtet hatten, um unsere Hühner, Hasen und Gänse zu versorgen, sind mein Vater und ich meinem Onkel begegnet“, berichtet Münnich. Sein Onkel habe seinen Vater gefragt, ob er denn vom Angriff auf die Sowjetunion gehört habe: „Das geht wahrscheinlich so schnell wie mit Frankreich“, gibt Münnich eine Vermutung des Onkels wieder. „Ernst, hast du mal auf die Landkarte geschaut?“, soll der Vater entgegnet haben – amüsiert und besorgt zugleich.

„Ich habe meinen Vater damals schon als nicht besonders tauglich für den Armeedienst eingeschätzt“, sagt Münnich, „das war ein Mann, der eher gelesen und sich für Gedichte interessiert hat, statt körperlicher Arbeit nachzugehen.“ So habe der Vater zunächst Glück gehabt, denn er war in Dudweiler, wo Münnich geboren ist, für die Gemeinde tätig. In einem Büro, das die Gas- und Wasserversorgung betrieben hat. Noch immer wohnt Münnich in dem Haus in Dudweiler, in das er als kleiner Junge mit seinen Eltern eingezogen ist. „Unten im Haus hat einer meiner Onkel gewohnt. Der war Schlosser und ein viel ‚handwerklicherer’ Typ als mein Vater. Ich habe daher auch viel Zeit mit meinem Onkel verbracht, und dessen Werkzeuge benutzt“, sagt er lächelnd.

Von der Politik habe er wenig mitbekommen. Aber Militär und Soldaten waren von seinem Geburtsjahr 1932 an immer präsent. „Als kleiner Junge hab ich mich natürlich gefreut, wenn ich einen Soldatenhelm oder Rucksack anziehen durfte.“ Er war ein sogenannter „Pimpf“, wie die Jungs zwischen zehn und 14 Jahren im Jungvolk, einer Organisation der Hitlerjugend, genannt wurden. „Ich wollte unbedingt zum Fliegerfähnlein, deshalb hab ich als Pimpf Modell-Flugzeuge gebaut.“ Was in der Jugendgruppe getan wurde, war für den jungen Ferdinand nicht als militärische Vorbereitung zu erkennen. „Wir haben meistens gebastelt oder gesungen.“

Im Oktober 1944 gab es einen großen Luftangriff auf Saarbrücken. „Ich weiß noch, wie zuerst überall in der Luft brennende Leuchtkugeln mit kleinen Schirmchen umhergeflogen sind“, berichtet Münnich, „ein Anblick, den ich nie vergessen habe“. Die Piloten sollen diese vor dem Angriff abgeworfen haben, um zu markieren, wo die Bomben fallen sollten. Die Bombardierung habe er mit seiner Mutter im nahen Luftschutzbunker verbracht.

Da die Front nun immer näher rückte, beschloss die Mutter, aus Saarbrücken zu fliehen. Durch einen glücklichen Zufall hatte sie zuvor eine Frau aus Bad Homburg kennen gelernt, die Mutter und Sohn zu sich einlud. Der damals 12-jährige Ferdinand und seine Mutter lebten bis zum Kriegsende bei ihr. Die Rückreise ins Saarland dauerte ungefähr zwei Wochen. „Wir sind mit dem Fahrrad aufgebrochen, haben uns von Bauern mitnehmen lassen und den Rhein mit einem Ruderboot überquert.“

Nach der beschwerlichen Reise war die Ankunft eine tragische: Zwar war das Haus nicht von Bomben zerstört worden, so wie etwa 78 Prozent der Saarbrücker Gebäude, aber Münnichs Vater kehrte nicht mehr zurück. So musste ein männlicher Vormund bestimmt werden, denn eine Frau durfte damals nicht alleine erziehungsberechtigt sein. „Ich war zwar Einzelkind, aber durch unser Haus mit großem Hof und Garten waren immer viele Freunde hier“, erinnert sich der 88-Jährige. Er sei auf das Gymnasium in Sulzbach gegangen, habe aber schnell gemerkt, dass er lieber zur „Bergschule“ gehen und Ingenieur werden wollte. Hier machte sich die handwerkliche Prägung durch seinen Onkel bemerkbar.

Ferdinand Münnich, hier an seinem ersten Schultag, war damals noch zu jung für die Hitlerjugend, weshalb er bei den „Pimpfen“ war. Foto: Robby Lorenz
Bevor der Vater in den Krieg musste, haben er und Ferdinand ihre Taschenuhren getauscht. Die Uhr des Vaters, der nie zurückkehrte, bewahrt der 88-Jährige noch immer auf. Foto: Robby Lorenz

Als Ingenieur war er dann sein Leben lang im Bergbau tätig. Dennoch, sein Talent zum Zeichnen hat er vielleicht von seinem eher künstlerisch begabten Vater geerbt. Und auch sein Hobby, das Sammeln von Taschenuhren, erinnert ihn an den Vermissten. „Bevor mein Vater gehen musste, haben wir unsere Taschenuhren getauscht – meine hatte nämlich Leuchtziffern aus Phosphor, die er womöglich für seine Dienste während der Nacht bei der Wehrmacht brauchen würde.“ Bis heute bewahrt er die Taschenuhr seines Vaters auf. „Sie ist materiell nicht besonders wertvoll, aber für mich hat sie einen unschätzbaren emotionalen Wert.“