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Vermeintlicher Kahlschlag
Was ist bloß mit dem Wald passiert?

Revierleiter Nils Lesch und Saarforst-Mitarbeiter Ernest Ptok unterwegs im Waldgebiet in Dudweiler. Die Karte zeigt den Waldbestand.
Revierleiter Nils Lesch und Saarforst-Mitarbeiter Ernest Ptok unterwegs im Waldgebiet in Dudweiler. Die Karte zeigt den Waldbestand. FOTO: Nina Drokur
Dudweiler. SZ-Leser beschwerten sich über viele Kahlschläge in den Wäldern um Saarbrücken. Wir wollten von Förstern wissen, ob da was dran ist. Von Nina Drokur

Matschige Waldwege mit tiefen Furchen, die Reifenspuren lassen auf den Einsatz von großen Maschinen deuten. Fernab der Waldwege reiht sich ein flacher Holzstumpf an den anderen. Wenige Bäume sind zu sehen, dafür Reisig so weit das Auge reicht. Abgeholzte Baumstämme stapeln sich am Wegesrand. Kein schöner Anblick für Waldspaziergänger, Hundebesitzer, Fahrradfahrer, eben alle, die den Wald in ihrer Freizeit und zur Erholung aufsuchen.


„Sie machen doch den ganzen Wald kaputt.“ Vorwürfe wie diesen muss sich Förster Nils Lesch oft anhören. Manchmal gehört dazu noch ein Mittelfinger, erzählt er. Seit drei Jahren ist der 28-Jährige für das Gebiet im Sulzbachtal zuständig und damit auch für einen Teil des Waldgebietes am Alten Stadtweg in Dudweiler – Staatswald und deshalb im Verantwortungsbereich des Saar-Forst-Landesbetriebs. Dort wurden in den vergangenen Monaten einige Bäume gefällt, und die Spuren sind deutlich sichtbar. Das Gebiet, so sagt der Revierleiter, ist 22 Hektar groß, rund 30 Fußballfelder. Abgeholzt wurden nach seinen Aussagen 800 Festmeter. Ein Festmeter ist das Raummaß für Rundholz und entspricht einem Kubikmeter Holz. Die Stämme, vor denen er gerade steht, besonders gerade Exemplare, frei von Ästen, sind für ein Sägewerk bestimmt. „Daraus werden Bretter für den Gerüstbau“, sagt Lesch. Andere Stämme werden Brennholz für die anliegende Bevölkerung.

Eine Pflicht zur Nachpflanzung besteht generell nicht, sagt das Ministerium. Das sei aber auch nicht nötig, sagt der Förster vor Ort. Es bleiben immer genügend Bäume zurück, und junge Bäume stünden schon in den Startlöchern, ergänzt Lesch und zeigt auf einen unscheinbaren, vielleicht zehn Zentimeter hohen grünen Setzling. In fünf Jahren sehe es wieder so aus wie vorher. Und solange sei in diesem Gebiet jetzt auch Ruhe, verspricht Lesch.

Alles unter zehn Zentimetern Durchmesser bleibt liegen. „Das sind Nährstoffe für den Boden und außerdem Lebensraum etwa für Igel oder Haselmäuse“, sagt Lesch. Früher habe man den Wald leergefegt. Laub wurde als Unterlage für den Schweinestall benutzt, auch Reisig habe man verbrannt. Keine gute Grundlage für den Waldboden, findet der Fachmann. So wie jetzt gewirtschaftet werde, sehe es zwar unaufgeräumter aus, sei jedoch wesentlich nachhaltiger.

Eine weitere Auffälligkeit in dem Waldgebiet sind breite, kahle Gassen, die in den Wald führen, die sogenannten Rückegassen. Früher, so erzählt einer der Forstmitarbeiter, sei man mit den Maschinen kreuz und quer durch den Wald gefahren bis an den Stamm, der gefällt werden sollte. Die Belastung für den Boden sei enorm gewesen. Und ob er sich erholt, ungewiss. Deshalb beschränken sich die Forstmitarbeiter beim Einsatz der schweren Maschinen, etwa zum Abtransport der gefällten Bäume, auf die festgelegten Wege. Im Staatswald gilt im Durchschnitt ein Abstand von 40 Metern zwischen zwei Rückegassen. Eine streng geometrische Ausrichtung sei aber nicht möglich. Am Hang etwa, erläutert Nils Lesch könnten die großen Maschinen umkippen. Deshalb sei es möglich, dass der Abstand auf einer Seite nur 15 Meter beträgt. „Dann sind es auf der anderen aber vielleicht 60 Meter. Wir versuchen den Durchschnitt von 40 Metern einzuhalten.“ Diese Rückegassen werden immer wieder genutzt. Deshalb bleiben sie kahl. Auch das sei nachhaltiger



Und die Nachhaltigkeit ist oberster Grundsatz beim Bewirtschaften des Waldes, sagt Thomas Steinmetz, Leiter der obersten Forstbetriebsaufsicht im Umweltministerium, der an diesem Morgen ebenfalls vor Ort ist. Was eine ordnungsgemäße Waldwirtschaft ausmacht, steht im Waldgesetz, das 1977 vom Parlament verabschiedet wurde, erläutert Steinmetz. Seine Behörde sei unter anderem dafür zuständig, dass sich jeder daran hält. Wird ein Verstoß gegen das Waldgesetz vermutet, schickt seine Behörde einen Mitarbeiter, der überprüft, wie in dem Wald gearbeitet wurde. In Saarbrücken, sagt er, liegen keine Verstöße vor.

Als Staatswald hat der Bereich am Alten Stadtweg eine besondere Funktion. Er soll Steinmetz zufolge den Privatwäldern als Vorbild dienen. Deshalb seien die Vorschriften dort besonders streng. Der Saarforst lege großen Wert auf Transparenz.

Zum „Tag des offenen Reviers“ am 21. März dieses Jahres hatte deshalb auch Nils Lesch zum Rundgang in seinem Gebiet aufgerufen. Kritiker hat er jedoch keine dort gesehen. „Es ist schwer an sie heranzukommen“. Er wünsche sich jedoch einen regen Austausch „auf sachlicher Basis“, wie er betont.

Auf sogenannten Rückegassen werden gefällte Bäume abtransportiert. 40 Meter Abstand sollten sie voneinander haben. Je nach Gelände kann es, wie hier zu sehen, anders sein.
Auf sogenannten Rückegassen werden gefällte Bäume abtransportiert. 40 Meter Abstand sollten sie voneinander haben. Je nach Gelände kann es, wie hier zu sehen, anders sein. FOTO: Nina Drokur