Auf Einladung der VHS: Vorwärts leben, rückwärts begreifen

Auf Einladung der VHS : Vorwärts leben, rückwärts begreifen

Günther Maria Halmer eröffnete mit Auszügen aus seiner Biographie verspätet das VHS-Wintersemester.

Er mag keine roten Teppiche. Überhaupt sei Schauspielerei „ein ganz normaler Job“, hat Günther Maria Halmer mal in einem Interview geäußert. „Krankenschwestern sollte man hofieren und Altenpfleger“, aber doch nicht einen wie ihn. Genauso pragmatisch und bescheiden mit Glamourfaktor Null trat Halmer im Dudweiler Bürgerhaus auf.

Seine Lesung hatte ursprünglich das Wintersemester der örtlichen VHS einläuten sollen. Aber seines vollen Terminkalenders wegen drückte man ein Auge zu. Weshalb der Vortrag des Mimen, der in über 150 Fernseh- und Kinofilmen mitwirkte, nun im Bürgerhaus quasi zwischen Craniosacraltherapie, Verkehrsrecht und dem Gestalten von Motivtorten eingebettet ist. Enthusiastisch hieß VHS-Leiter Michael Wagner den Gast willkommen – nicht ohne damit zu kokettieren, dass sein zweiter Vorname „Maria“ lautet. Für Halmer selbst war dieser Besuch ein spätes Wiedersehen. Vor über 30 Jahren habe er im Saarland mal einen Tatort gedreht, die Etablissements scheinen ihm noch gut in Erinnerung zu sein.

Doch genug Vorgeplänkel, rasch schwenkte Halmer auf sein Buch „Fliegen kann jeder“ ein. „Biographie schreiben ist nicht so einfach“, wenn man „kein 80-jähriger Politiker oder 20-jähriger Fußballer“ sei, witzelte der gebürtige Rosenheimer. Statt „in einem Liegestuhl am dunklen See der Erinnerung zu liegen“ und etwas an der Oberfläche zu kratzen, habe er tief in den „Urschlamm“ hinunter gemusst. Nicht immer angenehm, aber ein letztlich „doch sehr heilsamer Prozess“. Den er im Übrigen jedem empfehlen könne.

Von Anfang an hingen die 200 Zuhörer an seinen Lippen. Was dem Charisma des Vortragenden, vor allem aber seiner hochspannenden Lebensgeschichte geschuldet war, die zunächst als die eines Versagers daherkommt – eines selbsternannten. Der junge Halmer eckt überall an, in der Schule genauso wie bei der Armee, wo er noch nicht mal schafft, Gefreiter zu werden, „was eigentlich jeder wird“. Das Vorstellungsgespräch in der Bank, bei dem er seine James-Dean-Glitzerjacke trägt, ist ein Fiasko, und auch im Hotelgewerbe scheitert er.

Manchmal hatte man das dringende Bedürfnis, das junge Alter Ego Halmers in den Arm zu nehmen, angesichts dieser Kette aus Enttäuschungen, Niederlagen und Demütigungen, die sich wie ein zäher Elvis-Kaugummi durch seine ersten 24 Jahre ziehen. Man muss sich nur allein diese Situation vorstellen: Da kommt der Sohn nach 18 Monaten Knochenarbeit in einem Asbest-Bergwerk in Kanada – mit Temperaturen bis minus 40 Grad – nach Hause. Statt eines erhofften herzlichen Wiedersehens erwartet den Heimkehrer nur Kälte, Skepsis und schließlich Entsetzen, als er seinen schwer errungenen Berufswunsch äußert: Schauspieler. „Der Krebs war trotz Bestrahlung zurückgekommen.“

Es ehrt Halmer, dass er trotzdem nicht den Stab über den Vater bricht. Der, Bauernsohn und erzkatholischer Schwabe, litt wohl selber schwer darunter, „einen rechten Nichtsnutz zur Welt gebracht zu haben“, der einen Teufel tat, Jurist zu werden, wie es die Eltern wünschten. Gott sei Dank, ist man geneigt zu rufen – sonst hätte es keinen Tscharlie in den „Münchner Geschichten“ gegeben und viele andere Filmsternstunden ebenfalls nicht. Letztlich sind es nicht die Siege, sondern die Niederlagen, die am Ende unsere Erfolge ausmachen. „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts begriffen“, weiß Halmer, der geläutert wirkte und, was ein bisschen schade war, sein schauspielerisches Talent im Zaum hielt.

„Hin und weg von dieser tollen Veranstaltung“ zeigte sich Bezirksbürgermeister Reiner Schwarz. „Vieles hat mich an meine Jugendzeit erinnert.“ Schlussendlich verewigte sich Halmer noch im Goldenen Buch der Stadt und entschuldigte sich fast, an diesem Abend wenig von seiner Karriere gesprochen zu haben: „Mein Anliegen ist, die Schwierigkeiten zu schildern, sich selbst zu finden!“ Passt schon!

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