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Seit 70 Jahren der SPD treu

 Ingeborg Diehl zeigt ihr Parteibuch. Foto: Thomas Seeber
Ingeborg Diehl zeigt ihr Parteibuch. Foto: Thomas Seeber FOTO: Thomas Seeber
Dudweiler. An diesem Sonntag, 8. Januar, beginnt um 10.30 Uhr der Neujahrsempfang des SPD-Ortsvereins Dudweiler in der Awo-Begegnungsstätte, Gärtnerstraße 1. Dabei steht eine ganz besondere Jubilarehrung an: Inge Diehl ist seit 70 Jahren in der SPD. Wir sprachen am Freitag mit ihr. Patric Cordier

Der Krieg war zu Ende, die Welt stand vor einer Neuordnung. Auch das Saarland stand 1946 auf den von den Nazis verursachten Trümmern und vor einem Neubeginn. Es war das Jahr, in dem Ingeborg Diehl in die SPD eintrat.


"Mein Vater war Bergmann. Er sagte damals zu mir: Wer jung ist, muss Revolutionär sein", erzählt die heute 87-jährige gebürtige Sulzbacherin, "ich hatte viel gelesen und gehört. Ich war so ziemlich die jüngste in unserer Gruppe, als ich mich damals den Falken anschloss". Die Falken waren die Jugendorganisation der Sozialdemokraten. "Mein Antrieb war das Bewusstsein um die soziale Spaltung in der Gesellschaft", erzählt das älteste von vier Geschwistern aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, "ich durfte ein Jahr aufs Gymnasium nach Saarbrücken gehen. Da waren dann Töchter von Ärzten bei mir in der Klasse. Nach einem Jahr konnte meine Mutter sich nicht mehr leisten, mich zur Schule zu schicken. Mädchen würden ja eh heiraten. Das war schlimm".

Ingeborg Diehl machte eine Ausbildung zur Bürokauffrau, engagierte sich in der Partei und bei den Naturfreunden. Dort lernte sie ihren vor sechs Jahren verstorbenen Mann Horst kennen. Sie heirateten 1953 und kämpften gemeinsam für die Selbstständigkeit des Saarlandes. "Weite Teile der SPD hatten gehofft, dass dann alle europäischen Institutionen ihren Sitz im Saarland bekommen würden und das Land quasi das Herzstück des neuen Europas wird", erinnert sich die Sozialdemokratin an die Zeit vor der Saarabstimmung 1955 - und an die danach: "Das war eine bittere Niederlage. Und ob die Entscheidung richtig war, muss die Geschichte erst beweisen." Die Familie Diehl wuchs, drei Söhne bekamen Ingeborg und Horst. Sie engagierte sich in der Dudweiler Arbeiterwohlfahrt .



Und Deutschland? "Wir hatten mit Willy Brandt den vielleicht besten Bundeskanzler", sagt Ingeborg Diehl , "seine Ostpolitik und die Verträge waren Grundlage der Wiedervereinigung. Dafür wird aber dieser Kohl gefeiert." Diehl liebte die politische Debatte - auch im Bundestag. "Wenn Herbert Wehner ans Pult gegangen ist, spürte man Herzblut. Angela Merkel ist für mich eine Schlaftablette. Sie hat vor Entscheidungen immer geschaut, wo die Mehrheiten sind. Nur in der Flüchtlingspolitik hat sie entschieden, ohne nachzudenken."

In den 1980ern zog Ingeborg Diehl erst in den Dudweiler Bezirksrat, dann in den Saarbrücker Stadtrat ein. "Oskar Lafontaine war ein toller Bürgermeister. Er brauchte keine Unterlagen. Er wusste über alles selbst Bescheid", erzählt die Rentnerin, "als er die SPD verlassen hat, war das eine der schwärzesten Stunden. Dass mein Horst mit ihm zu der neuen Partei gewechselt ist, hat für viele Diskussionen gesorgt. Aber Horst und ich haben uns bis zum Schluss geliebt." Die Liebe zur Partei dauert an, auch wenn heute kaum noch halb so viele Menschen die SPD wählen als zu deren Glanzzeiten. "Es ist noch immer meine Partei. Auch Brandt oder Helmut Schmidt hatten ihre Schwächen. Heute wird vieles schlecht dargestellt. Heute muss man in einer Koalition versuchen, sozialdemokratische Punkte zu vertreten. Das ist nicht einfach."

Ingeborg Diehl hat 70 Jahre lang in ganz unterschiedlichen Positionen für die SPD gekämpft, mit ihr gewonnen und verloren. Das gesellschaftliche Problem der Chancengleichheit beschäftigt sie noch heute: "Es geht nur noch ums Geld. Auch das ist ein Grund, warum sich junge Menschen nicht mehr gesellschaftlich engagieren. Es fehlt ihnen einfach die Zeit. Das ist sehr schade."