Nicole Jung aus Dudweiler ist Bildhauerin und Steinmetzin

Bildhauerin aus Dudweiler : Ihre Leidenschaft sind Steine

Nicole Jung aus Dudweiler ist Bildhauerin und Steinmetzin. Schon als Kind wollte sie dieses Handwerk lernen.

Ein eiskalter Wind weht durch die Grabmale, die Nicole Jung auf der Ausstellungsfläche ihres Ateliers in der Neuweiler Straße 34 in Dudweiler aufgestellt hat. Jetzt im Spätherbst muss sie sich schon warm anziehen, um die Verzierungen oder die Inschriften mit dem Meißel zu bearbeiten. Ihr Handwerk – Nicole Jung ist Steinbildhauerin und Steinmetzin – ist zudem körperlich sehr anstrengend, verbunden mit Dreck und Staub, und wahrlich kein typischer Frauenberuf. Schnell wechseln wir bei diesen Temperaturen ins Atelier, wo ein Kaminofen wohlige Wärme verbreitet. Hier arbeitet Nicole Jung aktuell an zwei Stelen für den Saarbrücker Friedhof St. Johann, jeweils einer für 24 Urnengräber, die im Kreis um den Sandstein eingerichtet werden. „Ich fasse dich mit meinem Herzen wie mit einer Hand“ – das Zitat von Rainer Maria Rilke hat Nicole Jung in den einen gemeißelt, auf dem anderen steht ein Zitat von Stefan Streiff: „Der Tod ist ein Horizont und ein Horizont ist nichts anderes als die Grenze unseres Sehens.“

Im kleinen kuscheligen Büro gleich neben dem Atelier wollen wir der Frage nachgehen, warum sich Nicole Jung ausgerechnet diesen Beruf ausgewählt hat. Doch schnell sind wir bei anderen Themen, reden über die sich wandelnden Bestattungsformen, davon wie Menschen mit dem Tod umgehen, von Tränen und Trauer, davon, was bleibt.

„Behütet“ sei ihre Kindheit gewesen, erzählt Nicole Jung. Das Elternhaus war nicht weit weg von ihrem heutigen Atelier, wo sich damals die Bildhauerei Gores befand. „Mein Vater war handwerklich fit und hat mir alles in Ruhe erklärt. Ich lernte schon als Kind, wie man bohrt, schweißt, lötet. Ich konnte malern und Böden verlegen, das war meine Basis.“ Und dann die Bildhauerei Gores, gleich um die Ecke des Elternhauses, wo sie stundenlang auf der Mauer saß und die Steinmetze beobachtete. Sie war fasziniert davon, wie aus einem Quader nach und nach ein Kunstwerk entsteht. Nicole, damals keine zehn Jahre alt, fasste den Entschluss: „Das will ich auch mal machen.“

Und so ließ sie sich nach dem Schulabschluss bei der Firma Gebrüder Reinshagen in Ottweiler zur Steinbildhauerin und Steinmetzin ausbilden. Was Nicole Jung damals als Lehrling mitgeschaffen hat, kann man heute noch sehen: Restaurierungsarbeiten am Saarbrücker Schloss, am Saarbrücker Rathaus-Festsaal und am Dom zu Speyer, um nur einige Beispiele zu nennen. Nach der Lehre arbeitete sie für verschiedene Bildhauer- und Steinmetzbetriebe, gestaltete unzählige Grabsteine, bis sie vor zwölf Jahren ihre eigene Firma eröffnete: Gores verkaufte das kleine Atelier in der Neuweiler Straße, Sehnsuchtsort der kleinen Nicole Jung. Es war für sie wie nach Hause kommen.

Ihre zweite Arbeitsstätte ist der Friedhof. Manchmal muss ein Stein restauriert werden oder sie fügt eine weitere Beschriftung hinzu. „Ich bin gern auf dem Friedhof“, bekennt sie, „es ist ruhig, die Vögel zwitschern, die Blumen blühen in allen Farben, Menschen kommen vorbei und reden mit mir. Manchmal erzählen sie mir ihr ganzes Leben.“ Nicole Jung hört viel zu, oft ist sie Seelsorgerin, Trösterin und Mediatorin in einem. Wer zu ihr kommt, um ein Grabmal zu bestellen, der bekommt als aller­erstes ganz viel Zeit. Denn: „Der Stein, den ich für einen verstorbenen Menschen mache, soll zu ihm passen“, erklärt sie ihre Philosophie: „Er ist genau so einzigartig wie ein Mensch. Die ganze Persönlichkeit kann man im Stein widerspiegeln.“ Erst wenn Nicole Jung den Charakter, die Persönlichkeit und das Leben der verstorbenen Person erfasst hat, macht sie sich an die Arbeit. Und wenn das Werk fertig ist, der Auftraggeber sagt: Ja, genau so wollte ich es haben, dann ist das für Nicole Jung die Erfüllung. Für einen Musiker hat sie mal die erste Strophe seines Lieblingsliedes in Stein gemeißelt: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten…“

Wenn der Tod der tägliche Begleiter ist, ändert sich auch die Einstellung zum Leben, erklärt die Steinmetzin. „Man muss seinen Frieden machen, den Tag genießen, nichts verschieben“, sagt Nicole Jung, denn: „Wir gehen ja alle. Aber bis es soweit ist, sollten wir leben. Das Leben hat erste Priorität.“

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