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Kirche: Drei Männer bringen Ordnung ins Archiv

Kirche : Drei Männer bringen Ordnung ins Archiv

Günther Kliebenstein, Helmut Sauer und Hartmut Thömmes kümmern sich um alte Protokolle und Bücher im Kirchenarchiv.

Es riecht leicht nach „Dachboden“ in dem kleinen Kellerraum im Oberlinhaus. Ein zarter, staubig-modriger Geruch von uraltem Papier. In den Regalen: zahllose Ordner, Mappen, Papiere und ein etwa ein Meter langes Stück altes Eichenholz, in dem sich offensichtlich einst eine Generation Holzwürmer sehr wohl gefühlt haben muss. Hier sortieren seit vergangenen August Günther Kliebenstein und Helmut Sauer Tonnen von Akten und Papieren aus den Kirchenarchiven der 2007 fusionierten evangelischen Kirchengemeinden Herrensohr und Dudweiler.

Kliebenstein und Sauer sind die ehrenamtlichen Archivpfleger der Kirchengemeinde. Sie treffen sich ein bis zwei Mal wöchentlich, um alte Akten der Gemeinden zu sichten und „auszudünnen“, wie es im Fachjargon heißt. Unterstützt werden sie von ihrem alten Bekannten  Hartmut Thömmes, „ehemaliger Pfarrer im aktiven Ruhestand“, wie er sich schmunzelnd vorstellt. Da Thömmes aus seiner früheren Tätigkeit als Pfarrer in den Pfarreien Ottweiler und Wiebelskirchen viel Erfahrung mit der Archivierung von Akten mitbringt, leistet er in Dudweiler wertvolle Hilfestellung. „Vor vier Jahren wurden die alten Dokumente aus dem verkauften Pfarrhaus in Herrensohr abgeholt und hierher gebracht“, erzählt er: „Momentan sichten wir die Unterlagen von 1969 bis 2006, wie Personalakten, Schriftverkehr, alte Prospekte und vieles mehr. Alles, was für die Nachwelt nicht mehr von Wichtigkeit ist, wird herausgenommen und fachgerecht entsorgt.“

Der Rest erhält eine Nummer, die einem Aktenplan entnommen wird, und wird in einem sogenannten Findbuch oder Repertorium eingetragen. Dort findet man sie später wieder anhand eines Stichwortverzeichnisses. „Das Holzstück stammt aus dem Dachgebälk der Christuskirche vor deren Sanierung. Wir fanden es interessant, es aufzuheben. Genau wie die alte Liegenschaftskarte von 1953, alte Kirchenfahnen oder die Modelle der Christuskirche mit Beispielen einer möglichen Umgestaltung, die aus Kostengründen aber so nie umgesetzt wurden“, sagt Thömmes.

Aufbewahrt werden außerdem Dokumente wie alte Preislisten oder Berichte von Vereinsfahrten, Predigten, Gemeindebriefe, Protokolle, Gesangbücher oder Bibeln die für die Nachwelt interessant sein könnten. Was einmal vernichtet ist, ist für immer verschwunden und vergessen, darum gehen wir da sehr sorgfältig vor“, sagt Thömmes. „Im Zweiten Weltkrieg wurde vieles durch Bomben oder durch den Flugzeugabsturz in Dudweiler beschädigt. Aber noch mehr Kulturfrevel ist in den Sechziger Jahren begangen worden, wo vieles leichtfertig weggeworfen wurde oder in der Kirche einfach übermalt wurde“, erzählt Kliebenstein traurig. Am Ende landen die Unterlagen, die aufbewahrt werden, in einer Archivbox aus fester Pappe. „Aber ohne jegliches Metall wie Büro- oder Heftklammern. Diese müssen wir vorher entfernen, um mögliche Korrosionen zu vermeiden“, erklärt Kliebenstein.

Was sich nach einer trockenen und langweiligen Tätigkeit anhört, ist mitunter spannend oder kurios. „Wir haben es hier nicht nur mit Papier zu tun, sondern mit unserer Geschichte und vielen Geschichten“, sagt Thömmes. Er zeigt auf ein altes Altarkreuz aus dem Jahr 1882 und holt eine alte Altarbibel hervor, die die Gemeinde 1910 zur Einweihung der Kirche in Herrensohr erhalten hat. Ein großes, schweres, in Leder gebundenes Werk mit altdeutschen Lettern. Eines der sicherlich wertvollsten Stücke ist jedoch ein fast 350 Jahre altes Kirchenbuch. Der erste Eintrag ist auf 1673 datiert und listet Täuflinge des Jahres auf. Irgendwann vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten hat ein früherer Archivar die Seiten des Buches auf durchsichtiges Pergament geleimt, sie versiegelt und neu gebunden, sodass sie die Jahre bis heute unbeschadet überstanden haben.

Die uralten Handschriften sind schwer zu entziffern. Diese Mühe haben sich einmal vor einiger Zeit die Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt Dudweiler mit ihrem dritten Sonderband gemacht. „Eine Kopie dieses Buches ist im Bundesarchiv auf der Festung Ehrenbreitstein gelagert“, erzählt Kliebenstein.

Sämtliche Dudweiler Familien seit dieser Zeit sind in diesem alten Archiv und in den anderen vorhandenen Kirchenbüchern registriert. Das machen sich mitunter auch Ahnenforscher zunutze. „Wir hatten sogar schon Anfragen aus den USA, Brasilien oder England, wo Personen nach ihren Familienwurzeln gesucht haben“, erzählt Kliebenstein. „Einmal sogar gab es eine ziemliche Überraschung, als eine Berlinerin nach ihrem Urgroßvater in der Zeit des Ersten Weltkrieges forschte und dabei zahlreiche weitere Geschwister ihrer Großeltern fand, von denen bisher noch niemand wusste. Der Herr war wohl etwas umtriebig gewesen – und so musste die Familiengeschichte neu geschrieben werden“, erzählt er schmunzelnd.

Das Kirchenbuch mit 350 Jahre alten Einträgen von Familien-Ereignissen wie Taufen und Sterbefällen ist eines der wertvollsten Exemplare. Foto: Petra Pabst
Einige der Bücher stammen aus dem 17. Jahrhundert Foto: Petra Pabst

„Bis Mitte dieses Jahres sind wir sicher noch beschäftigt, dann haben wir die Jahre bis 2006 abgeschlossen. Die Dokumente ab 2007 dürfen dann in einigen Jahrzehnten unsere Nachfolger archivieren“, sagt Kliebenstein.