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Meisterbrief
Die Wende besiegelte das Ende

Ruth Etteldorf aus Dudweiler hat als Schneidermeisterin den Diamantenen Meisterbrief erhalten.
Ruth Etteldorf aus Dudweiler hat als Schneidermeisterin den Diamantenen Meisterbrief erhalten. FOTO: BeckerBredel
Dudweiler. Ruth Etteldorf war Schneidermeisterin, als die Saar an Deutschland angegliedert wurde. Das war das Ende ihrer Karriere. Vo Frank Bredel

Ihr berufliches Wirken ist überschattet von der Wende. Der Wende im Saargebiet. Als sich die Grenzen zur Bundesrepublik öffneten und Textilien den Markt überschwemmten, die es vorher nicht gab. Ruth Etteldorf (87) hat nun 60 Jahre nach ihrer Meisterprüfung den Diamantenen Meisterbrief erhalten. Und wenn sie zurückblickt, dann war die Rückgliederung des Saarlandes der Wendepunkt ihrer Karriere als Damenschneiderin. „Die Schlagbäume öffneten sich und die Damen hatten plötzlich eine ungeheure Auswahl an Konfektionsware. Schneiderinnen brauchte man nur noch für Änderungen oder Reparaturen. Es gab einfach alles und die Sachen passten.“ Die Rentnerin, die nach dem Krieg von ihrer Mutter zur Lehre als Schneiderin genötigt wurde, lernte bei einer Meisterin in Saarbrücken, war dann in anderen Firmen tätig, bevor sie in Abendform den Meisterbrief erwarb. „Im Saargebiet mussten wir das über zwei Jahre in Abendform machen. Wer Geld hatte, der ging in die Bundesrepublik und war in einem halben Jahr fertig“, schildert sie den damals schweren Weg zum Meisterbrief.



Den hatte sie noch nicht, als sie sich mit einer Genehmigung der Handwerkskammer selbstständig machte und sogar schon drei Lehrlinge ausbilden durfte. In der Saargemünder Straße war ihr Atelier, das Geschäft lief. Mit der Vereinigung an Deutschland war das Ende besiegelt. „Da hatten auch größere Firmen Probleme. „Ein Stoffhaus in der Bahnhofstraße machte zu, ein Tiroler Konfektionshaus schloss für immer. Namen wie Walter, Overbeck und Sinn verschwanden später“, erinnert sie sich. Wieder drückte sie die Schulbank, machte in Abendform eine kaufmännische Weiterbildung, bevor sie 1965 eine Stelle im Kultusministerium antrat, wo sie 24 Jahre blieb und auch in den Ruhestand ging. „Der Beruf der Schneiderin ist ausgestorben. Meister werden heute nicht mehr gebraucht und selbst meine Berufsschullehrerin musste später umsatteln. Die Konfektionsware ist heute so gut und vielfältig. Man geht einfach nicht mehr zur Damenschneiderin.“

Mit dem Aussterben ihres Berufes hat Etteldorf sich abgefunden, sie näht seit Jahrzehnten nicht mehr, auch nicht privat. Dafür macht sie andere Dinge: Gedächtnistraining beim Kneippverein und Sport. Und das Gartentor wird selbst gestrichen. Fit ist die 87-Jährige.