Die große Hilfe aus Herrensohr

Keine Frage: Es ist schrecklich – auch der Anblick: Doch bei der Begegnung mit der anderthalbjährigen Carolina, deren Gesicht bei einem Brand entstellt wurde, relativiert sich das schnell. Ohne die gebürtige Saarländerin Silke Maurer gäbe es die muntere Kleine aus Mosambik nicht mehr.

Manchmal erübrigen sich quälende Fragen von einem Moment zum nächsten. "Sie kam rein und hat getanzt", beschreibt Mathilde Maurer ihre erste Begegnung mit Carolina. Die mehrfache Mutter und Großmutter war sofort hin und weg von dem zarten Mädchen , das sie liebevoll "Schildkröte" nennt. "Mein Mann hat nur geweint, als er die Fotos sah", erinnert sich Mathilde Maurer noch gut an die Monate zuvor. Doch sobald man die kleine Mosambikanerin in "echt" erlebt, relativiert sich das Grauen. "Man vergisst es einfach." Dieses Phänomen könnte man "Carolina-Effekt" taufen, so oft hat Silke Maurer es schon erlebt. Es muss etwas mit der fast greifbaren Lebenslust dieses zarten, energiegeladenen Kindes zu tun haben.

Gerade wackelt Carolina o-beinig durch die gute Stube. Seit drei Wochen kann sie laufen. An einer Vitrine drückt sie die Händchen gegen das Glas und gibt ihrem Spiegelbild schmatzend Küsschen. "Sie liebt sich", lachen die Maurers. Überhaupt wird hier viel gelacht. Dabei gäbe es allen Grund zu weinen: Denn Carolina hat kein Gesicht.

Schuld daran ist wohl ein herunterfallendes Moskitonetz. Von einer Kerze entflammt, verbrannte es Nase, Augen, Mund, ein Ohr und die Hälfte der Haare des damals erst wenige Wochen alten Säuglings. In einer ersten Notoperation wurde ihr Rückenhaut zur Wiederherstellung des Gesichtes transplantiert. Carolinas Mama starb kurz darauf an Schwäche und Schock. Völlig überfordert gab der Vater sein Kind im Heim ab. Dort, im Waisenhaus Infantário Premier de Maio in Maputo (Mosambik) wäre Carolina ihrer Mutter bald gefolgt.

Gäbe es nicht Silke Maurer: Die 47-jährige Geschäftsführerin eines Berliner Musikunternehmens mit 17 Mitarbeitern ist seit 2010 so etwas wie ein Engel für Waisenkinder in Maputo - ganz besonders für den neunjährigen Kine, den sie 2013 adoptierte und der längst sowohl berlinert als auch saarländisch Platt schwätzt. "Ich war nie so auf Kinder und Heim aus", erinnert sich Silke Maurer beim Weihnachtsbesuch in der Wohnung der Eltern in Herrensohr. Lange sei ihr Wahlspruch gewesen: "Es muss auch gute Tanten geben" - in ihrem anderen Leben, das vor sechs Jahren endete, als sie die Einladung eines Geschäftsfreundes nach Maputo annahm. "Mich bewegte das Leid dort so dermaßen, dass es für mich fortan kein zurück mehr gab. Ich musste helfen."

Im März, bei einem ihrer regulären Besuche, führte Heimleiterin Dona Ida sie zum Bettchen von Carolina und meinte lapidar: "Sie verliert den Saug reflex, sie wird jetzt bald sterben". Was den Kampfeswillen von Silke Maurer entfachte. "In der Kürze der Zeit ließ sich kein geeigneter Träger finden", deshalb finanzierte sie die erste überlebensnotwendige Operation für das kleine Mädchen aus eigener Tasche. Um Carolina zeitnah ausfliegen zu können, und um weitere OPs - bis zur Pubertät werden etwa noch 15 nötig sein, "Rückenhaut wächst nicht mit" - abzusichern, gründete Silke Maurer quasi über Nacht den Verein "handle with care medical". Seit dem kamen auch dank des Saarländers Markus Thielen (wir berichteten) 80 000 Euro Spenden für Carolina zusammen. Davon wird unter anderem eine Wohnung in Maputo finanziert, wo Carolina mit ihrer Tante lebt. Im Januar nun steht die nächste Operation im Unfallkrankenhaus in Berlin an. "Es ist so schön, dass sie eine Chance hat", freut sich Silke Maurer, die mit Carolina noch etwas ganz Besonderes verbindet: Beide sind am 1. Juli geboren.

Wer ebenfalls helfen will, findet Infos unter handlewithcare-medical.org . Kontakt auch über Telefon (030) 40 04 30 11.