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Dr. Hans Schales aus Dudweiler und sein Afrikaprojekt helfen in Simbabwe

Dr. Schales : Ein Leben zwischen Tod, Armut und Fröhlichkeit

Hans Schales hilft seit 2001 in Simbabwe. Die SZ war 2004 vor Ort – und besuchte den ehemaligen Chefarzt aus Dudweiler nach 15 Jahren wieder.

Es ist diese Diskrepanz, die dieses Land so faszinierend wie abstoßend macht. Simbabwe hat eine wunderschöne Natur und eine herrliche Tierwelt. Sie verleiten zu Gedanken, in Afrika bleiben zu wollen. Dem gegenüber stehen die Lebensumstände der Menschen in diesem Land. Armut, Hunger, todbringende Krankheiten. Dazu Korruption, staatliche Willkür. Zustände wie in einer Diktatur. Und trotzdem sind die Menschen in Simbabwe meist voller Lebensmut und Fröhlichkeit.

Diese Widersprüchlichkeit zerreißt einem das Herz. Und erklärt zugleich, warum Hans Schales dieses faszinierende wie abstoßende Land seine Heimat nennt. Der frühere Chefarzt des St.-Josef-Krankenhauses in Dudweiler lebt und arbeitet seit 2001 im St. Luke’s Hospital in Simbabwe. Er sagt zwar: „Korruption verhindert, dass sich dieses wunderschöne Land weiterentwickelt.“ Doch eben dieses zerrissene Land und seine Menschen sind ihm ans Herz gewachsen. So sehr, „dass ich hier beerdigt werden möchte, wenn es einmal so weit sein wird“.

Seit 2002 wird der heute 81-Jährige aus seiner alten Heimat unterstützt. Vom Förderverein Afrikaprojekt Dr. Schales. Dessen Vorsitzender ist sein Sohn Oliver Schales. Die Hilfe, die seither aus dem Saarland nach Simbabwe fließt, ist immens.

Die SZ war 2004 vor Ort, um darüber zu berichten, was sie in Afrika bewirkt. Im St. Luke’s Hospital wurden in diesem Jahr 5306 Patienten stationär und 35 987 ambulant behandelt. An Einnahmen standen dem Förderverein im Jahr 2004 knapp 163 000 Euro zur Verfügung.

Das Motto des Fördervereins lautet „Hilfe zur Selbsthilfe“. Um diese effektiv gestalten zu können, hat er sich für seine Arbeit in Simbabwe eine Grenze gesetzt: das Flächenmaß des Saarlandes als Selbstbeschränkung. „Man kann nicht mal so Afrika retten. Man kann aber auf einem bestimmen Flächenmaß die Welt verändern“, sagte Oliver Schales einmal. Nächstenliebe brauche Organisation. Und er erklärte: „Entwicklungshilfe hat viel mit dem Entwickeln von Ideen und Konzepten zu tun, mit ständiger Überprüfung des eigenen Handelns und letztendlich mit Vertrauen in Menschen.“

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Das Vertrauen in Menschen in Simbabwe trägt Früchte. 2017 ist dort der Ubuntu Schales Trust an den Start gegangen. Ubuntu kommt aus der Ndebele-Sprache und bedeutet Solidarität.

Ziel des Partnervereins des Afrikaprojekts ist es, dass Einheimische aus den Bereichen Gesundheit und Bildung vor Ort Verantwortung übernehmen. Wie zum Beispiel Vusa Mlilo. Er hat 2002 Dr. Schales getroffen, als er als 15-Jähriger auf dem Gelände des St. Luke’s Hospitals gearbeitet hat. Heute ist Mlilo Projektmanager für 15 Partnerschulen des Afrikaprojektes mit mehr als 6000 Schülern. Zudem ist er für die 600 Schüler im Patenfonds verantwortlich – gemeinsam mit Mthulisi Ncube, der früher vom Afrikaprojekt als Patenkind unterstützt wurde.

Mlilo und Ndlovu haben wir getroffen, als die SZ jetzt erneut in Simbabwe war. Und vor Ort haben wir gesehen, dass Dr. Schales trotz seines Alters und trotz vieler Rückschläge in einem der ärmsten Länder der Welt noch voller Tatendrang und Ideen steckt. Und dass er sich fast genauso wie vor 15 Jahren über die Mentalität mancher Afrikaner ärgert.

„Soon it will be better“, sagen sie in Simbabwe gerne. „Bald wird es besser.“ Diesen Satz kann man positiv auslegen. Als den Glauben an eine bessere Zukunft. Und man kann ihn negativ auslegen. Wenn damit gemeint ist, dass man sich zurücklehnt, wenn es gut läuft.

Solche Dinge sind es, die Dr. Schales nach 18 Jahren in St. Luke’s immer noch aufregen. „Fehlender Ehrgeiz. Mangelnde Kommunikation“, hadert der 81-Jährige. Stillstand sei Rückstand. Wenn er sich mal wieder ärgert, zieht er sich an anderen Dingen aber wieder hoch. Etwa am Infusionsprojekt. Seit 2006 produziert das St. Luke’s Hospital für sich selbst und zum Verkauf Infusionslösungen. Oder am OP-Neubau. Auf dem Krankenhaus-Gelände entsteht ein neuer Trakt mit zwei modernen Operations-Sälen.

Zwar ist Zahl der stationären behandelten Patienten seit 2004 auf 2774 gesunken und die der ambulant behandelten auf 10 951. Doch solch teuren Projekte können nur gestemmt werden, weil die Einnahmen des Fördervereins Afrikaprojekt kontinuierlich angestiegen sind. 2018 waren es 587 000 Euro.

Es sind aber nicht nur bauliche Veränderungen, die Dr. Schales wieder positiv stimmen, wenn er sich mal wieder über den Satz „Soon it will be better“ geärgert hat. Es sind auch Geschichten wie die von Esnart Mnkandla. Die 14-Jährige geht um 6 Uhr im Ort Hulube Village los, damit sie um 7.45 Uhr in der Daluka Primary School ist. Sie läuft alleine durch den Busch. Ob es hell oder dunkel ist. Bei jedem Wetter.

„Ich habe Angst“, gesteht die Schülerin. Angst vor wilden Tieren. Angst, vergewaltigt zu werden. 2018 wurden im St. Luke’s Hospital 110 Vergewaltigungsfälle gemeldet. Die Dunkelziffer ist viel höher. „Aber ich möchte Krankenschwester werden“, erzählt Esnart schüchtern, warum sie anders als viele Kinder in Simbabwe zur Schule geht.

Sie kennt das Krankenhaus von Dr. Schales. Alle in der Gegend kennen es. Und fast alle haben das gleiche Schicksal wie die Familie der Schülerin. In der Region um Lupane, wo das Krankenhaus liegt, beträgt die Arbeitslosenquote 92 Prozent. Esnart hat fünf ältere Schwestern. Alle sind arbeitslos. Ihr Vater Julius Mnkandla ging 2018 nach Südafrika, um Arbeit zu finden. Vergeblich. Er kommt regelmäßig nach Hause, kann seine Töchter aber nicht unterstützen. Die Mutter Thembelihe ist 2010 gestorben. Sie war krank.

Esnart lebt bei ihrer Oma Rina Khabo. Ihr Opa Samson Mnkandla ist gestorben. „Ich will lernen“, sprudelt es aus der 14-Jährigen plötzlich voller Sehnsucht heraus: „Am liebsten lerne ich Englisch.“ Sie lehnt sich gegen das scheinbar vorgezeichnete Schicksal in ihrer Familie auf. Und es sind solche Geschichten, die Dr. Schales nicht mehr loslassen. Und ihm die Kraft geben, sich an dieses so faszinierende wie abstoßende Land Simbabwe zu binden – und darin seine Heimat zu sehen.

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