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Digitales Gedenken an Holocaust-Opfer

Holocaust-Gedenktag : Gedenken an Holocaust-Opfer im Internet

Immer weniger Zeitzeugen können über den NS-Terror berichten. Deshalb werden digitale Formen der Erinnerung nicht nur in Pandemie-Zeiten immer wichtiger.

Der 27. Januar ist der internationale Gedenktag an die Opfer des Holocaust. Aufgrund der Corona-Pandemie müssen öffentliche Gedenkstunden und Kranzniederlegungen in diesem Jahr bis auf wenige Ausnahmen ausfallen. Auch im Saarland. Das muss allerdings nicht von Nachteil sein, findet zumindest der Beauftragte der Evangelischen Kirche im Saarland, Frank-Matthias Hofmann, der auch Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit im Saarland (LAG) ist: „Wir haben uns in den vergangenen Jahren bereits viele Gedanken gemacht, wie wir digitale Erinnerungsarbeit voranbringen können, und haben einige Projekte entwickelt.“ Da immer mehr Zeitzeugen der Nazi-Zeit sterben, sei es nicht nur wegen der Pandemie unbedingt erforderlich, digitale Wege der Erinnerung zu etablieren und die historischen Geschehnisse auch in Zukunft nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Gerade die jüngere Generation wolle man so besser erreichen, sagt Hofmann. So wurde im Saarland beispielsweise eine App fürs Smartphone entwickelt, mit der ein virtueller Rundgang an Erinnerungsorten in Saarbrücken möglich ist. An mehreren Standorten in Saarbrücken können Nutzer Videos, Redebeiträge und historische Fotos zum jüdischen Leben und den Verbrechen der Nationalsozialisten abrufen. Die AG Schule und Erinnerungsarbeit in der LAG Erinnerungsarbeit im Saarland hat die App erarbeitet. Deren Inhalte wurden von Fabian Müller, Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel, und Sabine Graf, Landeszentrale für politische Bildung Saarbrücken-Dudweiler, erstellt und redaktionell bearbeitet. „Zwar sind Gespräche mit Zeitzeugen immer besser, mittlerweile gibt es aber viele gute digitale Ansätze gegen das Geschichtsvergessen“, sagt Hofmann. Ein wunderbares Beispiel sei auch eine App des Westdeutschen Rundfunks, für die weltweit Zeitzeugenberichte digitalisiert und ihre Geschichten visuell eindringlich aufbereitet worden seien. Insbesondere Schüler und Lehrer könnten sie nun mit Handys oder Tablets wie Hologramme im Unterricht erleben. Auch virtuelle Rundgänge durch Konzentrationslager seien mittlerweile möglich.

Durch solche und ähnliche digitale Erinnerungsangebote werde ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen geleistet, sagt Hofmann. Denn nur, wer die historischen Fakten kenne, könne aus Fehlern der Vergangenheit für die Zukunft lernen: „In Zeiten von Desinformation, Ausgrenzung von Minderheiten und Hass gegen Flüchtlinge ist die Erinnerung immens wichtig“, sagt der LAG-Sprecher, der eine Wiederholung der NS-Geschichte nicht für unmöglich hält. Deshalb sei es auch zu begrüßen, dass zumindest einige Gedenkveranstaltungen auch in diesem Pandemie-Jahr stattfinden, findet Hofmann.

Die traditionell größte Gedenkveranstaltung im Saarland ist die des Landtags, die coronabedingt nur mit wenigen Teilnehmern stattfindet, dafür aber live ab 17.30 Uhr im Internet übertragen wird. Hauptthema der Veranstaltung sind „Die Patientenmorde im Nationalsozialismus und ihre Opfer“. In Redebeiträgen wird die Medizinhistorikerin Maike Rotzoll über die sogenannten Euthanasie-Opfer berichten, die aufgrund einer körperlichen oder geistigen Behinderung misshandelt und ermordet wurden. Ralf Schmitt vom Saarländischen Psychiatriemuseum Merzig wird aus historischen Quellen das Schicksal eines solchen Opfers vorstellen, bevor im Anschluss daran eine Podiumsdiskussion zu dem Thema Euthanasie folgt. Zusätzlich wird Landtagspräsident Stephan Toscani (CDU) in einer Rede über Versuche des Widerstands im Saarland gegen die NS-Gräuel der Euthanasie berichten. Bereits am Vormittag legt Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) an der Gedenkstätte Gestapo-Lager Neue Bremm einen Kranz für die Nazi-Opfer nieder. Auch die Initiative Neue Bremm, vertreten durch ihre Sprecher Kurt Bohr und Burkhard Jellonnek, wird am Nachmittag der NS-Opfer durch eine Kranzniederlegung an der Neuen Bremm gedenken.

In Saarlouis hat sich der Ökumenische Arbeitskreis zusammen mit Lehrern des Max-Planck-Gymnasiums und des Gymnasiums am Stadtgarten entschieden, einzeln oder zu zweit im Laufe des Vormittags die Stolpersteine in Saarlouis und den Alten Friedhof als Gedenkorte aufzusuchen. Dort wird der Bürgerinnen und Bürger aus Saarlouis gedacht, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind, und Blumen niedergelegt.

Der Verein „Wider das Vergessen - gegen Rassismus“ aus Marpingen hat zusammen mit dem Musiker Jürgen Brill ein Konzert-Video produziert, das am Mittwoch ab 18.15 Uhr auf dem Youtube-Kanal „Jürgen BrillAlarm“ aufgerufen werden kann.

Die Gedenkveranstaltung des Saarländischen Landtages live ab 17.30 Uhr auf www.youtube.com/c/LandtagdesSaarlandes oder www.landtag-saar.de/livestream