| 21:24 Uhr

Warnstreiks in unserer Region
Die Vision vom „glücklichen Krankenhaus“

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sulzbacher Krankenhauses zeigten am Donnerstag Flagge vor dem Haupteingang.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sulzbacher Krankenhauses zeigten am Donnerstag Flagge vor dem Haupteingang. FOTO: / Thomas Seeber
Sulzbach. Streik in der Sulzbacher Knappschaftsklinik. Fünf Operationssäle blieben verwaist.

„Ich habe eine Vision vom ,glücklichen Krankenhaus‘ in der Zukunft“, sagt Andrea Massone, die kaufmännische Direktorin des Knappschaftsklinikums Saar zu dem die Häuser in Sulzbach und Püttlingen gehören, „ein Krankenhaus mit zufriedenen Patientinnen und Patienten, mit zufriedenen Mitarbeitern und Betreibern. Hier ist die Politik gefordert, uns die Möglichkeit zu geben, das Personal angemessen zu bezahlen und die Pflege und die dazugehörige Ausbildung attraktiv und zukunftssicher zu machen.“ Doch von dieser Vision ist der Alltag in deutschen Kliniken teilweise weit entfernt. Für spürbare Verbesserungen, aber vor allem für gerechte Bezahlung wurde gestern gestreikt. Bundesweit und auch an der Sulzbacher Klinik. „Es geht in dieser Tarifrunde hauptsächlich um das Entgelt“, erklärte Personalrat Hans Ruge die Forderungen der Gewerkschaften nach sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro, „die Beschäftigten sind sauer, fühlen sich von der Politik vernachlässigt. Etliche von ihnen gehen auf dem Zahnfleisch.“ 


650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat das Klinikum Saar, fast 80 Prozent davon sind gewerkschaftlich organisiert. Knapp 200 von ihnen machten sich gestern von Sulzbach aus auf den Weg zur zentralen Kundgebung dieses Warnstreiks nach Saarbrücken. „So ein Tag Warnstreik tut dem Krankenhaus schon weh - auch wenn die Gewerkschaften über das Streikgeld ja den nicht zu zahlenden Lohn übernehmen“, so Betriebsrat Ruge, „die Arbeitgeber haben noch kein Angebot vorgelegt. Diese Blockadehaltung macht uns wütend.“ Die Streikkassen seien  gut gefüllt, ein sogenannter „Erzwingungsstreik“ nicht ausgeschlossen.

„So weit sind wir ja noch nicht, und so weit ist es bislang noch nie gekommen. Wir stehen erst am Anfang der Tarifrunde“, sagt Andrea Massone, die als ehemalige Krankenschwester weiß, wie hart der Job ist: „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind überdurchschnittlich engagiert. Aber das Gesundheitswesen ist sehr eng budgetiert. Am Ende muss ein Kompromiss stehen, den wir auch stemmen können.“
Warnstreiks sind eine Art Muskelspiel der Gewerkschaften. Sie sollen auch weh tun. Den „Schaden“ für einen kompletten Stillstand in den Operationssälen in Sulzbach und Püttlingen gibt Andrea Massone mit fast 100 000 Euro an. Diese und auch alle weiteren Tarifrunden sollen und werden aber nicht zu Lasten der Patientinnen und Patienten gehen. In Sulzbach standen gestern die fünf Operationsräume weitestgehend still. Nur unaufschiebbare Eingriffe und Notfall-OPs wurden durchgeführt. In den Funktionsabteilungen herrschte der Wochend-Modus, und auch auf den Stationen wurde mit reduziertem Personal gearbeitet.
In Sulzbach loben beide Seiten des Tarifstreits den Umgang miteinander. Es gibt ganzjährig „runde Tische“ zu verschiedenen Themen  sowie ein gemeinsames Projekt zu so genannten „Pflege entlastenden Maßnahmen“, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam vorantreiben. „Natürlich sind wir, was die finanziellen Forderungen angeht, weit auseinander“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Andrea Massone, „was aber gegenseitigen Respekt und die Wertschätzung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angeht, verbindet uns viel.“ Woher zusätzliches Geld für das Gesundheitswesen kommen könnte, dazu hat Betriebsrat Hans Ruge eine einfache Idee: „Wenn man den Vermögenszuwachs beim reichsten Prozent der deutschen Bevölkerung mit drei Prozent besteuern würde, könnte man damit 60 000 neue Stellen in der Pflege finanzieren.“ Das wäre zumindest ein Baustein für ein „glückliches Krankenhaus“ in der Zukunft.