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Premiere im Theater im Viertel Theaterclub zeigt Franz Xaver : Ich bin das Volk
Die Unsterblichkeit der menschlichen Schwäche

FOTO: Anja Breyer-Hahn
Saarbrücken. Premiere im Theater im Viertel: Der Theaterclub akTiV zeigt Franz Xaver Kroetz’ 25 Jahre altes Stück „Ich bin das Volk“. Das Drama ist heute aktueller denn je und bitterböse. Von Nicole Baronsky-Ottmann

Das Stück „Ich bin das Volk – volkstümliche Szenen aus dem neuen Deutschland“ des Schauspielers, Regisseurs und Theaterautors Franz Xaver Kroetz ist zwar aus dem Jahr 1994, hat aber von seiner Bissigkeit und leider auch Aktualität bis heute nichts verloren.


Dieser Überzeugung ist Anja Breyer-Hahn, Architektin, Theaterpädagogin, Regisseurin, Vorstandsmitglied des Theaters im Viertel (TiV) und künstlerische Leiterin des Theaterclubs akTiV. Sie hat das Stück ausgesucht, um es jetzt mit dem Theaterclub auf die Beine zu stellen.

„Mir ist das Stück schon vor drei oder vier Jahren in die Hand gefallen, ich hatte es immer im Hintergrund. Und jetzt hat es sich einfach angeboten, denn das Stück ist gut geeignet für eine Theatergruppe, die sich noch entwickelt“, erklärt sie vor der Probe im Zuschauerraum des Theaters.

Es ist Montagabend, langsam trudeln die Hobby-Schauspieler ein, die das Stück mit viel Energie und Engagement auf die Bühne bringen wollen. Das Stück ist eine szenische Collage, jede Szene ist für sich abgeschlossen.

Von den ursprünglich 24 Szenen des Originals bringt Anja Breyer-Hahn acht auf die Bühne. Und mit den Mitgliedern des Theaterclubs, Johannes Becher, Christine Burgard, Leon Hacket, Lisa Krauser, Rosanna Schymanski, Claus Brinkkoetter, Jörg Fischer, Rachel Weiland und Susanne Keppner, übt sie die Szenen ein. „Das Stück wird sehr viel in Deutschland gespielt, auch gerade zurzeit wieder“, erzählt sie. Denn Kroetz schreibt sehr politisch und bitterböse, hintergründig und mit viel schwarzem Humor über das Zusammenleben von Deutschen und ihren ausländischen Mitbürgern.



„Das Stück ist entstanden unter dem Eindruck der Brandanschläge in Mölln und Solingen. Damals ging es um türkische Zuwanderer“, erklärt die Regisseurin. Das Thema ist aber heute noch genauso brisant, wie es vor bald 25 Jahren war. Daher habe sie sich auch länger überlegt, ob sie die Szenen in die heutige Zeit, mit der Problematik der Übergriffe auf Flüchtlinge, übertragen soll. „Aber wir haben uns entschieden, das Stück weiterhin im Jahr 1994 zu belassen“, erläutert Anja Breyer-Hahn.

Daher sind Handys ein Tabu, und es wird in den einzelnen Szenen nach wie vor über Türken und Gastarbeiter geredet, getuschelt, gehetzt und verleumdet und nicht über Syrer oder Afghanen. „Ich nenne das die Unsterblichkeit der menschlichen Schwäche“, fasst die Regisseurin den Handlungsstrang zusammen und lacht. Ihr geht es in dem Stück aber auch darum, sich mit der Manipulation der Sprache auseinanderzusetzen. Auch dieses Thema, Fake News, ist ja brandaktuell.

Währenddessen beginnt die Probe. Allerdings noch ohne Bühnenbild. Das kommt erst kurz vor Beginn der Aufführung. „Ich habe überlegt, wie kann man deutschen Boden mit einfachen Mitteln darstellen? Da kam mir die Idee, Erde auf die Bühne zu schütten. Auch quasi als braunen Bodensatz. Das machen wir dann aber erst vor der Premiere“, erklärt Anja Breyer-Hahn.

Daher setzt Susanne Keppner sich in der Szene, die nun geprobt wird, auf den Boden. Bei der Aufführung wird ihre Tätigkeit, ein Grab zu pflegen, mit der Erde gut darstellbar sein. Und während diese ältere Dame das Grab ihres verstorbenen Mannes pflegt, erzählt sie ihm, dass „auf unserem schönen, katholischen Friedhof nun auch Muselmane beerdigt werden sollen“. Aber wie werden sie ihre Gräber schmücken? Passt das auf einen deutschen Friedhof? Und werden die Gräber nicht zu groß? Wenn doch türkische Familien so viele Kinder haben?

„Bei uns wird nicht geschächtet, weil wir tierlieb sind“, heißt es dann auch. Dieser Monolog zeigt ganz genau, was Kroetz – und in dem Falle auch Anja Breyer-Hahn – mit dem Stück beabsichtigen: ein Nachdenken über die eigenen Gedanken. Dass in der Szene die ältere Dame am Grab ihren verstorbenen Mann nur veräppelt hat, zeigt den schwarzen Humor und die Doppelbödigkeit des Stücks.