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Filmporträit
„Die Liebe dort ist herb, aber ehrlich“

Der Filmemacherin Olga Delane ist ein beeindruckender Streifen über ihre Heimat und die Beziehung von Mann und Frau in Sibirien gelungen.
Der Filmemacherin Olga Delane ist ein beeindruckender Streifen über ihre Heimat und die Beziehung von Mann und Frau in Sibirien gelungen. FOTO: Foto: Doppelplusultra
Saarbrücken. Olga Delanes neuer Dokumentarfilm „Liebe auf Sibirisch“ läuft am 26. Dezember im Passage Kino. Von Oliver Sandmeyer

„Ohne Ehemann bist Du keine Frau!” So lautet nicht nur der provokante Untertitel zu Filmemacherin Olga Delanes neuem Dokumentarfilm „Liebe auf Sibirisch“, auch sie selbst bekam diese Behauptung immer wieder zu hören – von ihren Verwandten in Sibirien. Diese lernte die in ihren Jugendjahren nach Deutschland ausgewanderte Delane – ihre erste Station war die Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Lebach – während der Arbeit zu ihrem ersten Dokumentarfilm „Endstation Krasnokamensk – Ein Heimatbesuch“ kennen. Damals wollte sie ihre russischen Wurzeln erforschen und wurde dort dabei unter anderem mit den traditionellen Werten und Lebensansichten ihrer Verwandten konfrontiert. Und diese entsprechen, vorsichtig gesagt, nicht ganz dem Frauenbild und der Idee von Liebe, wie sie in unseren Breitengraden praktiziert werden.


„Durch die typischen Fragen wie ‚Warum bist Du nicht verheiratet?‘ oder ‚Warum hast Du noch keine Kinder?‘ und den damit verbundenen Kampf merkte ich: Das ist ein spannendes Thema, darüber lässt sich ein Film machen.“ Oder wie sie zu Beginn des Films erklärt: „Ich habe immer gedacht, dass ich glücklich bin. Ich habe meine Arbeit, meine Freunde, ich bin frei und unabhängig. Dennoch zieht mich etwas nach Sibirien zu meinen Verwandten. Für die hat Glück eine andere Bedeutung.“ Damit war die Idee für „Liebe auf Sibirisch“ geboren.

Olga Delane kehrte für die Dreh­arbeiten zurück in das Dorf Onon-Borzja, das inmitten einer saftigen Landschaft im südöstlichen Nirgendwo Sibiriens liegt. Für ihren Film begleitete sie drei Ehepaare – Ira und Sascha, Ljuba und Oleg sowie Galja und Tolja – und den alleinerziehenden und alkoholkranken Vater Nikolai mit der Kamera, hörte ihnen zu, stellte ihnen Fragen. In intimen Einstellungen, mal beim Frühstück oder einfach während der Arbeit, geben diese Menschen den Zuschauern einen Einblick in ihr Leben, ihr Lieben und in das, was für sie Glück bedeutet.



Die Menschen, die der Film zeigt, sind laut Delane „pure und reine Menschen“. Oft sieht man sie bei harter landwirtschaftlicher Arbeit. In dieser Kultur hat eindeutig noch der Mann die Hosen an. So sieht auch Delanes Onkel Oleg die Sache: „Der Mann muss das Oberhaupt im Haus sein. Wenn sich die Frau an diese Regel hält, läuft alles.“ Oft stimmen die Frauen im Film dieser Meinung stillschweigend zu, die schlitzohrige Galja hinterfragt diese Regel aber doch: Hätte sie eine Wahl gehabt, hätte sie wohl nie geheiratet, verrät sie Delane. Für sie gibt es keine Liebe. Die Filmemacherin kam während der Dreharbeiten zu einer eigenen Definition der Liebe in Sibirien: „Die Liebe dort ist herb, aber ehrlich. Und leidenschaftlicher.“

Der Film schafft es in seinen achtzig Minuten, durch die Montage der vielen mitgefilmten Gespräche, ein Bild der kleinen Gemeinschaft zu zeichnen. Aufgelockert durch Szenen aus dem Alltag entwickelt sich ein Bild davon, was die Menschen unter Liebe verstehen, wie die Rollen von Mann und Frau in dieser Gesellschaft definiert sind oder einfach wie und ob sie Glück finden. Der Zuschauer taucht ein in eine Lebenswelt, die zu großen Teilen aus Arbeit und Familie besteht, die unserer so fremd scheint, dass sogar die Plastikspielzeuge der Kinder wie von einem anderen Stern wirken.

Bereits am 22. April feierte „Liebe auf Sibirisch“ in Delanes Wahlheimat Berlin seine Deutschlandpremiere. Seitdem ist viel passiert, der Film läuft in 14 verschiedenen Ländern, sogar der arabische Sender Al Jazeera hat sich Übertragungsrechte gesichert. Neben zehn anderen Festivals ist der Dokumentarfilm auch in die Auswahl des International Documentary Filmfestivals Amsterdam, eines der renommiertesten Filmfestivals für Dokumentarfilme, aufgenommen worden, was Delane merklich mit Stolz erfüllt.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag läuft um 14 Uhr „Liebe auf Sibirisch“ im Saarbrücker Passage Kino. Olga Delane wird bei dieser Vorführung da sein und im Anschluss Fragen der Besucher beantworten und über die Entstehung des Filmes aus dem Nähkästchen plaudern.

Beim Armdrücken wollen die Männer ihre Stärke beweisen.
Beim Armdrücken wollen die Männer ihre Stärke beweisen. FOTO: Foto: Doppelplusultra