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Abschiedsfeier für Dieter Desgranges
Die freie Szene dankte ihrer grauen Eminenz

Ein Bild mit Seltenheitswert: Dieter Desgranges (hinten links) sitzt – ausnahmsweise – mit  Lebensgefährtin Ruth Boguslawski ruhig im Dunkeln und hört zu, während Martin Huber, Sprecher des Netzwerks Freie Szene Saar (vorn rechts), eine Laudatio hält.
Ein Bild mit Seltenheitswert: Dieter Desgranges (hinten links) sitzt – ausnahmsweise – mit Lebensgefährtin Ruth Boguslawski ruhig im Dunkeln und hört zu, während Martin Huber, Sprecher des Netzwerks Freie Szene Saar (vorn rechts), eine Laudatio hält. FOTO: Kerstin Krämer
Saarbrücken. Großer Bahnhof im TiV. Am Freitag abend wurde Dieter Desgranges, der langjährige künstlerische Leiter des TiV in den Ruhestand verabschiedet.

„Wir wollen dich und uns feiern.“ So lautete die Devise bei der Feier, mit der Dieter Desgranges, 20 Jahre lang künstlerischer Leiter des Theaters im Viertel (TiV), am Freitag in den Ruhestand verabschiedet wurde. Vieles deutet darauf hin, dass es eher ein Unruhestand wird: Eine Produktion zur Weißen Rose im Willi-Graf-Gedenkjahr will Desgranges in diesem Jahr noch inszenieren, daneben heckt er weitere Projekte aus. Wie sollte es auch weitergehen ohne diese graue Eminenz der freien Szene? Ohne diese im Wortsinn gewichtige Persönlichkeit, die mit ihrer Liebenswürdigkeit und ihrem Engagement längst selbst zu einer Institution geworden ist? Nun, er ist ja nicht weg: Desgranges wird als Ratgeber parat sitzen oder den ein oder anderen Kassendienst übernehmen. Und ganz sicher hat er immer ein offenes Ohr und Zeit für ein Schwätzchen, bei dem er wie immer mit Hingabe seine neuesten Lieblingswitze erzählt. Wer aber die offizielle Nachfolge antritt, darüber schwieg man sich aus.


Über die Zukunft nur so viel: Neu im Vorstand des TiV sind Robert Karge, ehemaliger Leiter der Hörspielabteilung des Saarländischen Rundfunks, und der (Puppen-)Schauspieler Dietmar Blume. Anja Breyer-Hahn und Veronika Häfele-Zumbusch wurden als Mitglieder bestätigt. In einer Pressekonferenz Anfang August soll alles Weitere verlautbart werden, verkündete die frisch gewählte neue erste Vorsitzende Jutta Roth. Nun hieß es erst mal Danke sagen – mit Spenden und einem mobilen Kräutergärtchen. Vor allem aber mit diversen künstlerischen Beiträgen, mit denen teils langjährige Weggefährten Desgranges überraschten. Zuvor jedoch wurden die bei einem solchen Anlass obligatorischen Reden geschwungen.

Die Laudatio hielt Saarbrückens Oberbürgermeisterin Charlotte Britz, die Desgranges für seine gute Arbeit und die stets faire Kooperation mit der Landeshauptstadt dankte. Veronika Häfele-Zumbusch würdigte Desgranges als den vierten künstlerischen Leiter, den sie während ihrer Amtszeit im TiV-Vorstand überlebt hat: als denjenigen, mit dem sie es – vielleicht gerade wegen vieler Unterschiedlichkeiten – am längsten aushielt. Dietmar Blume machte aus seiner Ansprache eine komische Bühnennummer, kam auf Desgranges’ unnachahmlich reduzierten Regiestil zu sprechen und bezeichnete das Engagement des Scheidenden als „unentlohnbar“, also ehrenamtlich. Diesen Ball griff Martin Huber, kulturpolitisch aktiver Sprecher des Netzwerks Freie Szene Saar, auf und richtete einen flammenden Appell an Britz: Die freie Szene sei zwar professionell, könne aber wegen magerer öffentlicher Zuschüsse nicht unter professionellen Bedingungen operieren. Huber: „Eine Spielstätte, die ehrenamtlich arbeiten muss, ist nicht professionell.“ Der Vortragskünstler und Musiker Karl-Heinz Heydecke widmete Desgranges ein Gedicht; der Chansonnier Sigi Becker erinnerte an die gemeinsame politisch bewegte Vergangenheit und brachte Desgranges verschiedene Ständchen – mal mit Heydecke, mal mit Desgranges’ Lebensgefährtin, der Sängerin Ruth Boguslawski. Desgranges’ trockener Kommentar zu alledem: „Jetzt möchte ich das sagen, was mir als künstlerischer Leiter immer am besten gefallen hat: Das Büfett ist eröffnet.“ Kulinarisch gestärkt, riss Dietmar Blume die Conférence des Abends an sich und moderierte zu vorgerückter Stunde sogar ohne Beinkleid, weil seine Hose einer Flasche Rotwein zum Opfer gefallen war. Kontrabassist Stefan Scheib überbrachte Grüße der ini-Art und improvisierte, solo und mit Heydecke. Bob Ziegenbalg, künstlerischer Leiter des Theaters Überzwerg, spielte auf Desgranges’ speziellen Wunsch einen Ausschnitt aus Dario Fos „Obszönen Fabeln“. Es lasen Gabriele Bernstein, Ulrike Donié, Ulrike Deus und Achim Mayer; Schauspielerin Ursula Ochs gab eine mörderische Witwe. Sigrid Jost vom Saarländischen Filmbüro zeigte einen Ausschnitt aus einem alten Film des Kacheltheaters, während der Kabarettist Peter Tiefenbrunner mit verschiedenen Beiträgen zum Thema Alter die Lacher auf seiner Seite hatte. Zum Finale des offiziellen Teil begeisterten der Sänger Ralf Peter und Pianist Lutz Gillmann mit dem „Ballhaus in Bilbao“ von Brecht/Weill.