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"Die Frau ohne Eigenschaften" von Siwei Li läuft beim Ophüls-Festival

Festival Max Ophüls Preis : Mehr sein als die „chinesische Kommilitonin“

Wie sehr der fremde Blick die Frage nach der eigenen Identität aufwirft, ist Thema des eindringlichen Essay-Films „Die Frau ohne Eigenschaften“ von Siwei Li, der jetzt auf dem Ophüls-Festival läuft.

„Hallo, wie geht’s“, findet Siwei Li einen guten Einstieg in ein Gespräch. „Woher kommst du?“  wird die Hauptdarstellerin in Lis Kurzfilmdebüt „Die Frau ohne Eigenschaften“ wesentlich häufiger gefragt – der Film ist diese Woche beim Festival Max Ophüls Preis zu sehen. Die Antwort auf das Woher scheint zunächst simpel: „Ich komme aus China, ich bin also Chinesin.“ Aber ist damit schon alles gesagt?

Nein, findet Li. Und so fordert auch ihre Filmfigur den Zuschauenden auf: „Bevor du deine Gedanken auf mich projiziert, will ich dir sagen  – ich habe einen Namen.“ Und der lautet Luna, nicht Siwei, wie man vielleicht annehmen könnte. Denn die autobiografischen Züge des elfminütigen Erfahrungsprotokolls sind offensichtlich. Wie Siwei Li selbst, ist Luna eine chinesische Frau, die seit einigen Jahren in Deutschland lebt, wo sie sich noch immer fremd fühlt.

Die Filmmacherin stammt aus der Provinz Hunan im Süden Chinas und studiert seit mittlerweile vier Jahren an der Hochschule für Bildende Künste in Saarbrücken. „Man kann sagen, ich bin diese chinesische Frau. Aber natürlich nicht so ganz.“

Mit ihrem Filmprojekt will Li ihre Erfahrung des Fremdseins verarbeiten. Dass in „Die Frau ohne Eigenschaften“ Lunas Blick auf die Welt dargestellt, nicht aber ihr Gesicht zu sehen ist, sei eher Zufall gewesen. Als Li 2020 mit dem Dreh begann, war das Coronavirus bereits in Deutschland angekommen. „Ich war deshalb viel allein unterwegs. Ich hatte wenig Gelegenheit, den Film mit anderen zusammen und damit anders zu machen“, erklärt Li. Im Schnitt habe sie dann festgestellt, dass sie genau das schön findet. „Diese Ästhetik passt gut dazu, wie fremd ich mich fühle.“ Die Kamera, meist auf Hüfthöhe postiert, ist wie ein stummer Zeuge des Alltags der chinesischen Frau und ist wie sie irgendwie dabei, gehört aber selten wirklich dazu.  

Als Filmemacherin sieht sich Siwei Li nicht. Sie hat in China Industriedesign studiert und wollte dieses Studium ursprünglich in Deutschland fortsetzen.  An der HBK Saar entdeckte sie dann viele andere Fächer, die sie interessierten, und entschied sich für ein Kunststudium. Die 26-Jährige, die auch Skulpturen und Installationen entwirft, will sich künftig noch mit anderen Themen künstlerisch auseinandersetzen.  In welchem Medium das stattfinde, spiele dabei für sie keine Rolle. Besonders spannend findet sie die Projektionsfrage – also die Übertragung eigener Sehnsüchte, Wünsche und Ängste auf andere Menschen – wie sie auch im Film aufgeworfen wird. „Der Beobachter ist der Beobachtete.“   

Der Titel ihres Films, der natürlich an Roberts Musils Hauptwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“ angelehnt ist, müsse ihrer Meinung nach interpretiert werden als „Die Frau ohne ihre Eigenschaften“, sagt die 26-Jährige. „Unsere Eigenschaften verstecken sich hinter den nationalen und kulturellen Merkmalen.“  

Erst in Deutschland sei für sie spürbar geworden, dass sie Chinesin ist.  In China habe sich die Identitätsfrage auf einer ganz anderen, viel individuelleren Ebene gestellt.  „Der Film ist der Versuch aus dieser Perspektive auszutreten, mich anders darzustellen, oder eher: mich selbst darzustellen.“

Auch wenn sie jetzt seit Jahren in Deutschland wohne, bleibe der Kontakt mit vielen Menschen doch oberflächlich. Über ein Hallo und Smalltalk komme sie mit ihnen oft nicht hinaus. „Diese Menschen sind für mich nur ‚der deutsche Kommilitone‘ oder der türkische Ladenbesitzer‘ und ich für sie nur die ‚chinesische Kommilitonin‘.“

Anfänglich sei es ihr auch deshalb sehr schwergefallen, Saarbrücken zu mögen. Durch das Studium an der HBK, habe sie mittlerweile aber auch stärkere Verbindungen zu anderen Menschen aufbauen können. Die Studierenden an der Kunsthochschule seien sehr offen.

"Die Frau ohne Eigenschaften" von Siwei Li Foto: Siwei Li
Die Künstlerin Siwei Li lebt seit ein paar Jahren in Saarbrücken und studiert an der Hochschule der Bildenden Künste. Foto: Moritz Reitmann

Ob sie nach dem Studium in Deutschland bleibt oder nach China zurückkehrt, weiß Li noch nicht, das komme auch darauf an, wie sich ihre Karriere entwickelt. Dass ihr Film auf dem Ophüls-Festival laufen wird, findet Li sehr aufregend. Dass er es wegen Corona erst einmal nicht in die Kinos schaffen wird, sondern nur auf die PCs, macht der Studentin nichts aus. „Mir ist wichtig, dass viele Leute ihn sehen und so mehr Verständnis entwickeln können.“