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Die Bildungsoffensive der ARD wird im Saarland skeptisch gesehen

Dickicht an Lehrmaterial : TV-Angebot kann Unterricht nicht ersetzen

Das Bildungsprogramm auf ARD-Alpha wird von saarländischen Vertretern aus Politik und Verbänden mit gemischten Gefühlen gesehen.

Homeschooling, Hybrid-Unterricht, E-Learning. Diese Anglizismen haben seit Ausbruch der Corona-Pandemie den Weg in unseren Alltag und unseren Sprachgebrauch gefunden. Nach wie vor sind mehr als 100 000  Schülerinnen und Schüler dazu gezwungen, von zuhause über verschiedene Internet-Plattformen, wie beispielsweise die landeseigene Online Schule Saar (OSS), unterrichtet zu werden. Über die OSS können die Schüler mit ihren Lehrern per Video in Kontakt treten, Lehrmaterial bearbeiten, Fragen stellen, Aufgaben lösen und vieles mehr.

Durch die Pandemie beschleunigt, entstehen aber auch außerhalb der Schulen neue Bildungsangebote im Internet. So startete die ARD Anfang Januar ein groß angelegtes Online-Bildungsprogramm. Der Bildungskanal ARD Alpha sendet unter dem Titel „Schule daheim“ Lernformate für alle Schularten und Fächergruppen. Die ARD-Mediathek sammelt Wissenssendungen für Kinder aller Altersstufen und der Bayerische Rundfunk hat in seiner Mediathek ein großes Angebot an Lerninhalten für Schüler zusammengestellt, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Doch wie sinnvoll sind solche Angebote, die weder mit den Schulen, noch mit dem Kultusministerium abgestimmt wurden? Was halten Schüler, Lehrer, Eltern und die Politik von dieser Offensive? Sehen sie es vielleicht gar als Konkurrenz zu ihren eigenen Bemühungen?

Von der Idee her gut gemeint, aber viel zu unübersichtlich und gerade für die jüngeren Schüler zu komplex, findet der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Max Hewer, das Angebot der ARD: „Ich glaube nicht, dass dies in Konkurrenz zur OSS steht, sondern allenfalls ein Hilfsmittel für Lehrer sein kann.“ So könnten Lehrer einzelne Lehrvideos gezielt in den Unterricht einbinden oder auf der OSS verlinken. Keinesfalls sollten die Schüler aber mit dem Angebot der ARD alleine gelassen werden, findet Hewer: „Je jünger die Schüler, desto schwerer wird es, das passende Video herauszufinden, da muss man schon gut recherchieren können.“ Wenn der Lehrer aber gezielt ein Lehrvideo zu einem geschichtlichen Ereignis oder einem politischen Thema aussuche und auf der OSS dazu Arbeitsaufträge bereitstelle, könnten die ARD-Videos sinnvoll in den Unterricht integriert werden. „Unterricht kann dadurch aber nicht ersetzt werden, es braucht immer die pädagogische Begleitung.“ Die OSS sei interaktiv und ähnelte dem klassischen Unterricht, die ARD-Plattform sei in diesem Verständnis eher wie ein Schulbuch, das im Unterricht gezielt eingesetzt werden müsse.

Diese Meinung vertritt auch  der Beauftragte für Bürgeranfragen des saarländischen Bildungsministeriums, Fabian Bosse: „Es obliegt grundsätzlich den Lehrkräften, zu entscheiden, welche Texte, Video- oder Audiomaterialien sie für die Vermittlung von Unterrichtsinhalten nutzen. Diese können grundsätzlich auch aus dem Angebot der ARD stammen.“ Beide Angebote ließen sich aber nicht miteinander vergleichen. Die OSS sei wie ein interaktives Klassenzimmer, das mit Inhalten gefüllt werden müsse. Die Plattformen der ARD böten lediglich solche Inhalte, die auch in der OSS eingesetzt werden könnten. Daher stünden diese in keinerlei Konkurrenz zueinander.

Dass der Vergleich zwischen der OSS und dem Bildungsangebot der ARD hinkt, sagt auch der saarländische Landesschülersprecher Lennart Seimetz: Die OSS bietet eine Lernplattform und lässt sich am ehesten mit Microsoft Teams vergleichen. Hier können zum Beispiel in Videokonferenzen Aufgaben und Themen besprochen werden. Das Angebot der ARD ist eine reine Bereitstellung von Inhalten und kann zur Ergänzung des Unterrichts dienen.“ Wie sinnvoll es sei, die durchaus guten und anschaulichen Videos im Unterricht einzusetzen, müsse aber der jeweilige Lehrer entscheiden, das sei nicht Aufgabe der Schüler. Gut findet der Landesschülersprecher aber, dass die Angebote auf verschiedene Altersstufen zugeschnitten seien: „Um mehr Abwechslung in den Unterricht zu bringen und den Spaß am Lernen zu steigern, finde ich die Angebote aber sehr gut.“

Die Chance, mehr Abwechslung in den Unterricht zu bringen, begrüßt auch die Vorsitzende des Saarländischer Lehrerinnen- und Lehrerverbands (SLLV), Lisa Brausch: „Ich halte die Aufbereitung der Videos für alters­adäquat, abwechslungsreich, motivierend und ansprechend. Es spricht nichts dagegen, einzelne Beiträge in den Unterricht einzubauen“, sagt Brausch. Gut finde sie auch, dass es direkte Angebote im Fernsehen gibt, wie beispielsweise die Sendung mit der Maus oder Wissenssendungen im Kinderkanal. Das sei vor allem für Schüler, die zuhause digital nicht so gut ausgestattet sind, eine echte Alternative. Kritisch sehe sie aber die Fülle an Angeboten, die es kompliziert machten, sich einen Überblick zu verschaffen: „Ein systematisches lehrplanbezogenes Lernen ist damit nicht möglich, auch wenn die Beiträge seriös, ordentlich recherchiert und professionell daherkommen.“ Brausch fände es hilfreich, wenn beispielsweise die Lehrer auf den Infokanälen des Ministeriums auf diese Angebote hingewiesen oder einzelne Beiträge in der Online Schule Saar verlinkt würden.

Als nützliche Ergänzung zu den vorhandenen multimedialen Inhalten in der OSS, sei das ARD-Angebot durchaus zu begrüßen, findet die Vorsitzende des Verbandes Reale Bildung Saarland (VRB), Karen Claassen: „Die Auswahl für Schüler und Lehrer vergrößert sich, die Qualität der Medien ist hoch und eine urheberechtskonforme Nutzung wird gewährleistet.“ Ein Film für sich alleine habe allerdings keinen pädagogischen Wert. Medien könnten lediglich pädagogisch sinnvoll in den Unterricht eingebunden werden. Der besondere Vorteil bei dem ARD-Angebot liege darin, dass die Filme auch genutzt werden dürften. Lehrmaterial anderer Plattformen unterlägen oft Nutzungseinschränkungen und stellten ein rechtliches Problem dar. Ob Schüler sich mit dem Angebot so gerne und zeitintensiv beschäftigen mögen wie mit den sozialen Netzwerken, wage sie zu bezweifeln.

Sinnvoll sei es allemal, die audio-visuellen Inhalte der ARD als Ergänzung in den Online-Unterricht einzubinden, sagt Marcus Hahn, Vorsitzender des Saarländischen Philologenverbandes (SPHV), allerdings habe die Sache einen nicht zu unterschätzenden Nachteil: „Man darf die zur Verfügung gestellten Materialien offenbar in seinen Unterricht einbinden, darf sie aber nicht verändern. Offenbar darf man auch die zusätzlich bereitgestellten Texte und Bilder nicht speichern. Das schränkt die Nutzbarkeit erheblich ein“, findet Hahn. Ansonsten ergänze das Angebot lediglich bereits frühere Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender. Neu sei lediglich, dass sie gesammelt und in verschiedene Fächer unterteilt worden seien: „Die Qualität der Videos entspricht den bekannten Kriterien, die auch ansonsten im Dokumentar- und Bildungsangebot der ARD und ihrer Spartenkanäle herrscht. Dorther stammen die Beiträge ja wohl auch.“ Ein spezielles didaktisches Konzept sei auf den ersten Blick nicht zu erkennen, sagt Hahn.

Jochen Schumacher, einer der Vorsitzenden der Saar-Gesamtelternvertretung (GLEV), findet das Angebot für Eltern interessant, die hier selbst nochmal ihr „vergessenes“ Wissen auffrischen könnten, um ihre Kinder zu unterstützen: „Meine eigenen Kinder, 13 und 16 Jahre alt, finden, dass es im Internet bessere Erklärvideos gibt.“ Zwar seien seiner Meinung nach interessante Dokumentationen, schöne Sportvideos und gute alte Telekollegvideos vorhanden, die Kinder müssten aber durch das Angebot geführt und angeleitet werden, da man sich sonst „in der Fülle der Informationen verliert“. „Insgesamt gesehen ist es für mich nur ein weiterer Anbieter von Lehrvideos“, sagt Schumacher.