Der Saarbrücker Klaus-Dieter Schneider erfindet sich immer wieder neu.

Saarbrücker Orignal : Claude Jaté ist tot, es lebe Dr. Zorro

Der Saarbrücker Künstler Klaus-Dieter Schneider erfindet sich immer wieder neu.

Es ist schon ein paar Jahre her, sagt Klaus-Dieter Schneider, da habe ihn eine Frau zu „so einem Tierspiel“ aufgefordert. Das ging so: Jeder schreibt auf einen Zettel, welches Tier er sein könnte, wenn er kein Mensch wäre. Als die Frau ihm dann ihren Zettel gezeigt hat, sei er überhaupt nicht verwundert gewesen, denn da stand dasselbe wie auf seinem Zettel: Chamäleon. „Jeder von uns ist nicht nur einer, sondern viele“, sagt er. Vielen Menschen sei das nur nicht bewusst, oder sie wollen es nicht wahrhaben. Dabei sei es etwas Wunderbares, „wandelbar zu sein“. Ja geradezu etwas Lebensrettendes, denn: „Man braucht die Verwandelbarkeit, um sich zu schützen.“

Der Mann, Mitte 60, der in einer kleinen Wohnung im sechsten Stock eines Hochhauses auf dem Saarbrücker Eschberg lebt und zwischen seinen Sätzen kräftig an seiner Zigarette zieht, ist ein Meister der Wandlung. Am bekanntesten dürfte er unter dem Namen Claude Jaté sein. Mit seinen Bildern unterm Arm zog er über den St. Johanner Markt. Er war seine eigene wandelnde Galerie, bot seine Kunst in Kneipen und auf der Straße zum Kauf an. Damals wie heute rauchte er dabei und erzählte von seiner Freundschaft zu Joseph Beuys, in dessen Düsseldorfer Atelier er, der gebürtige St. Ingberter, die Techniken des grafischen und des visuellen Gestaltens lernte.

Mit 14 oder 15 Jahren ist er schon nach Paris gefahren, hat sich in ein Künstlerviertel gestellt und „etwas gekritzelt“, wie er sagt. Diese ersten Werke hat er an Passanten für ein paar Franc verkauft. Seine Mutter sei damals schon sicher gewesen: „Der da wird Maler.“ Erst einmal wurde der da aber Maschinenbauer. „Wenn ich damit fertig bin, mache ich Kunst“, das sei das Ziel gewesen. Und so kam es auch. Aus Klaus-Dieter Schneider wurde Claude Jaté.

Der Mann, der zwischen zwei Zigaretten an einem Glas Coca Cola nippt, ist aber nicht Claude Jaté. „Claude Jaté ist ein Fantasieprodukt. Claude Jaté ist tot“, sagt Schneider. „Wir trinken Tee, um den Lärm der Welt zu vergessen“, steht auf einem Blatt Papier, das in einem Rahmen hinter ihm hängt. „Die Welt kotzt mich an. Die Welt ist die geistlose Hölle geworden“, steht auf einem Zettel, der an die Wand daneben gepinnt ist. „Niki Dylan“, steht darunter. Niki Dylan ist auch einer der Namen, die auf den schwarzen Baseballkappen stehen, die im Schlafzimmer an der Wand hängen. Niki Dylan ist einer von 24 oder 25 Namen, so genau weiß er es nicht, die sich der Mann, der einmal Claude Jaté war, hat rechtlich schützen lassen.

Dylan kommt in einigen der zwei Dutzend Namenskombinationen vor. Bob Dylan ist neben Joseph Beuys der Künstler, der den Mann, an dessen Wohnungswänden ein Kreuz ebenso Platz hat wie eine US-Flagge, wohl am meisten geprägt haben. „Wie viele Straßen muss ein Mann gehen?“, zitiert der Mann, der sich gerade die Niki-Beuys-Kappe aufgesetzt hat, aus Bob Dylans „Blowin‘ in the Wind“ und ist in Gedanken unterwegs auf seinen Straßen. „Wenn ich von hier oben runter in die Innenstadt gehe, habe ich im Kopf drei Bücher geschrieben“, sagt er. Aufgeschrieben hat er keins. „Beim Schreiben bremse ich mich nur selbst aus. Ich kritzele viel. Und viele dieser Zettel gehören in einen Giftschrank“, findet er.

Wie mit den Zetteln sei das auch mit der Erfindung der Namen. „Da muss man wie ein Akrobat hin und her balancieren können.“ Jetzt ist er gerade Dr. Zorro. Dr. Zorro hat eine eigene Jacke, auf der sein Name eingestickt ist, und zusammen mit Bill Dylan eine Mission: „Wir wollen mehr Bäume statt Graffiti.“ „Alles, was wir inhalieren, auch über die Wahrnehmung, übers Auge, wird zu einem Virus“, erklärt er. Graffiti sei nicht gut für die Häuser, auf die es gesprüht wird. „Die Farbe auf dem alten Stein ist ein Säurefraß, der dem Stein nicht guttut“, sagt er. Und den Menschen auch nicht. „Graffiti macht krank, weil es optischer Lärm ist.“

Der Mann, der jetzt wieder Niki Beuys ist, kramt ein Foto raus, auf dem der Musiker Leonard Cohen ein Bild von Claude Jaté in Händen hält, zündet sich noch eine Zigarette an und erzählt von zwei Vögeln. Der eine, sagt er, sitzt immer wieder mal auf dem Dach des Hochhauses gegenüber, der andere auf seiner Fensterbank. Die Vögel zwitschern, er könne verstehen, dass der auf der Fensterbank will, „dass sein Kolleesch zu ihm rüberkommt“. Aber der Vogel oben auf dem Dach hat „Stress, weil ein Flugzeug von Ensheim her vorbeifliegt“. Die Vögel müssen deshalb lauter zwitschern, um sich zu verstehen. Und weil sie sich anders nicht mehr verstehen, sich ihre Geschichten sonst nicht mehr erzählen können, „kommen dann nur noch Vögel auf die Welt, die selbst laut sind“.

Claude Jaté ist eins der Pseudonyme, die Klaus-Dieter Schneider früher benutzt hat. Solche Bilder, wie er sie bei einer Ausstellung 1995 in St. Ingbert gezeigt hat, malt er nicht mehr. Er malt jetzt klare Striche ohne Farbe. Foto: dillmann

Der Mann, der einmal Claude Jaté war, lacht. „Ich war schon als Kind ein Wortfinder. Ein lustiges, fröhliches Kind. Andere haben gesagt, dass ich verrückt bin. Aber nur, weil ihnen das fremd ist.“ Und weil sie nicht begreifen, was es für eine Chance, für ein Gewinn ist, wenn man ein Chamäleon ist.